ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

Wie man wird, was man ist - 18/2011

Herunterladen
Wie man wird, was man ist

Uwe Timm schrieb mit seiner Novelle eine kurze Geschichte der Bundesrepublik aus der Sicht von zwei Männern.

Von Stefan Neuhaus

Anfang der 1960er-Jahre in München: Eine Versicherung spendiert jungen, wenig bemittelten Studenten einen sogenannten Freitisch. Hier lernen sich zwei kennen, die sich vierzig Jahre später in einem kleinen Ort an der Ostsee wiedertreffen. Der eine, der Ich-Erzähler, ist pensionierter Lehrer, der andere hat ein Unternehmen für Müll-Management aufgebaut und sucht gerade nach einer neuen Deponiefläche. Der Manager mit Spitznamen Euler war damals Arno-Schmidt-Fan und lieh sich von einer Freundin ein VW Käfer Cabrio, um Schmidt im norddeutschen Bargfeld zu besuchen. Solche Episoden werden im Gespräch von den beiden nun schon älteren Herren entwickelt, die sich im Gasthof des verschlafenen Städtchens zusammengesetzt haben. Eigentlich hat der Manager, dessen Saab Cabrio im Ort einiges Aufsehen erregt, Termindruck und muss wieder nach Berlin zurück. Aber die Kraft der Erinnerung ist stärker.

Figuren und Positionen

Zur Sprache kommt nicht nur Persönliches, wie stets bei Timm stehen die Figuren auch für bestimmte Positionen und dafür, wie sich diese Positionen verändert haben. Aus dem Fan eines unkonventionellen Kult-Autors, der selber schrieb, wurde ein Firmeninhaber, der am Müll der Städte verdient. Der Ich-Erzähler wurde Lehrer für Deutsch und Geschichte, in der Erzählgegenwart lebt er mit seiner norwegischen Frau – die beiden Söhne sind erwachsen – für Haus und Garten, gibt Nachhilfe und unterhält ein kleines Antiquariat für Erstausgaben: „Spezialisiert auf Achtundsechzig und Arno Schmidt.“ Frühere Lieben werden erzählt, Freundschaften bilanziert. Besonders interessant ist die Randfigur eines Jungautors, der Falkner genannt wird, äußerst nüchtern daherkommt, außer wenn er gerade bei einer Performance ein Klavier mit der Axt zerlegt, und dessen Anziehungskraft für das weibliche Geschlecht Rätsel aufgibt.
Timms Novelle ist eine liebevolle Miniatur, eine kurze Geschichte der Bundesrepublik aus der Sicht von zwei Männern, die Erfahrungen gemacht haben, die kaum einer Generation erspart bleiben. Als sie jung sind, wollen sie die Welt verbessern, später gehen sie Kompromisse ein und im fortgeschrittenen Alter suchen sie das Glück im Privaten. Eulers Geschichte, immerhin, wird weitergehen – er steht kurz vor der Hochzeit mit einer Inderin.
Das Entwickeln von Erlebtem im Gespräch ist Kennzeichen der Gattung Novelle und passt hervorragend zur Beschäftigung mit der deutschen Vergangenheit, die für Timms Texte stets grundlegend ist – die Frage, was von der Studentenbewegung geblieben ist, wurde in „Rot“ (2001) und „Der Freund und der Fremde“ (2005) diskutiert; die deutsch-deutsche Geschichte kam prominent in „Johannisnacht“ (1996) vor, die Frage der Kapitalisierung der Gesellschaft in „Kopfjäger“ (1991). Der Satz „war’n heißer Sommer“ spielt auf den Titel von Timms erstem, erfolgreichem Roman von 1974 an; dessen Hauptfigur Ullrich übrigens, wie dann in einem späteren Roman erzählt wird, einen ähnlichen Werdegang nahm wie der Ich-Erzähler dieser Novelle.

Resignative Töne

Wer Timms Werke schätzt, wird auch „Freitisch“ mögen, selbst wenn sich zunehmend resignative Züge in diesen Text mischen. Die beiden Söhne des Ich-Erzählers haben „eine Geld-Karriere“ gemacht, heißt es beispielsweise, oder: „Erstaunlich das Interesse, die Belesenheit der Leute damals. Gutes Schulsystem, auch für die unten. Das Lesen ist vorbei. War ja auch ein Grund, warum ich hergekommen bin, wollte das Verschwinden einer doch anderen Lebensform studieren.“ Ob früher wirklich alles besser war? Relativiert werden solche Figurenaussagen im Text nicht. Als Leser hält man sich dann doch besser an die Konstanten, an das, was die Figuren an positiven Einsichten ins Leben gewonnen haben, an die Ideale, die geblieben sind, etwa an diesen schönen Satz: „Ich bin ein Realist. Ich glaube an die Wesenheit der Begriffe, also auch an den der Liebe.“
Wenn der Manager nach Berlin zurückfährt und der Text zu Ende ist, bleibt die Frage offen, ob das Leben nicht doch mehr zu bieten hat, als sich ein bescheidenes Glück in der ostdeutschen Provinz zu suchen, Rosengarten inklusive.
Der im Text viel zitierte Arno-Schmidt-Titel „Kühe in Halbtrauer“ hätte insofern auch ganz gut auf diesen Text gepasst.


Freitisch
Novelle von Uwe Timm
Kiepenheuer & Witsch 2011
135 S., geb., e 17,50
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  05:07:42 07.21.2005