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Aus der Welt gehungert - 22/2011

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Aus der Welt gehungert

Bernhard Kathans Essay über Künstlerinnen und Künstler, die sich zu Tode hungerten.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Bernhard Kathan, der interdisziplinäre Künstler und unorthodoxe Denker aus Vorarlberg, widmet sich in seinem neuen Projekt dem Phänomen „Hungerkünstler“. Es geht dabei nicht um eine Verbindung von kulturhistorischem Abriss und zeittypischen Essstörungen, sondern ausschließlich um „Künstler“, die in der einen oder anderen Form durch Hunger zu Tode kamen.
Die zentralen Fallgeschichten sind Simone Weil und Nicolai Gogol, die sich beide, wenn auch aus unterschiedlichen Motiven, zu Tode hungerten. Gerät Gogol mit dem Scheitern an Band zwei und drei seiner „Toten Seelen“ zunehmend in Hypochondrien und religiösen Wahn, findet Simone Weil eigentlich gar nicht ins Leben hinein; sie scheitert schon an der Abnabelung von elterlicher Bevormundung, findet sich im falschen Körper, leidet ohnmächtig an allem Elend in der Welt, und schreibt und lebt rastlos von einem Weltverbesserungsprojekt zum anderen.
Sicher ist eine Motivation für ihre Magersucht – das Wort wird im Buch konsequent vermieden – das politische Argument vom Hunger in der Welt, aber sie hatte wohl viel radikaler mit ihrem gesamten Lebensunglück zu tun. „Ihr Ich war wie ein Wort, das auszuwischen ihr vielleicht geglückt war, das aber unterstrichen blieb“, heißt es in einem der vielen langen Zitate aus der Sekundärliteratur, die im Buch wiedergegeben werden. Dass Essstörungen immer Hilferufe sind, mit gesteigerter Selbstwahrnehmung einher gehen und im Falle auch mit größter Rücksichtslosigkeit der Umwelt gegenüber ausagiert werden, ist Teil des Krankheitsbildes. „Hätte sie Freuds ‚Traumdeutung‘ gelesen, vielleicht hätte sie begriffen, was es bedeutet, außerhalb gesellschaftlicher Konventionen zu denken. Freud verstand, dass ein solches Denken ein soziales Sterben zur Folge haben kann“, meint Kathan. Doch Freud war eben auch patriarchaler Herrscher über eine ganze Schar ihm dienender Frauen, und er hat im Zweifel allzu provokante Erkenntnisse „solchen Denkens“ einfach verfälscht, wie den auf einen Onkel verschobenen väterlichen Kindesmissbrauch an der Hüttenwirtstocher, den er, nach seinem Scheitern als Hypnotiseur, als Fallgeschichte zur Geburtsstunde der Gesprächstherapie stilisierte. Simone Weil aber musste nicht begreifen, was es heißt, außerhalb der gesellschaftlichen Konventionen zu denken, sie stand als ganze Person außerhalb.

Erhungerte Machtposition

Für eine bulimische Mystikerin wie Katharina von Siena hingegen war Hungern einer der möglichen und vom Katholizismus gewiesenen Wege zur Bedeutsamkeit durch Ekstasen. Immerhin standen ihr bald eigene Sekretäre zur Verfügung und auch das Autoritätsverhältnis zu ihrem Beichtvater kehrte sich rasch um: Sie hat sich ihre Machtposition erhungert. Katharina sei, so Kathan, vielleicht die erste, die ihren Körper zum Kunstwerk gemacht habe, eine Traditionslinie, die feministische Forscherinnen ebenso wie die üppige Blutmetaphorik immer wieder untersucht haben. Eine interessante Frage wäre, wie sich Magersucht geschlechterübergreifend mit dem Katholizismus zusammendenken lässt, denn religiöse Vorstellungen spielen auch bei Gogol oder Jesse Thor eine Rolle. Als Kontrapunkt dazu hätte sich Kafka angeboten, der am Schluss des Buches kurz vorgestellt wird.

Unterschiedliche Kontexte

Viele der Fallbeispiele aber sind ganz anders kontextuiert, und das macht die Brücken zwischen den kategorial verschiedenen Schicksalen etwas wackelig. Da ist der im Exil zunehmend unter Verfolgungswahn leidende Mathematiker Kurt Gödel, Daniil Charms, der 1942 während der Leningrader Blockade verhungerte, oder Paul Scheerbart, der 1915 an Entkräftung und körperlicher Zerrüttung durch Alkoholismus starb – und „an einer Welt, die ihn nicht verstand“. Da wie an manchen anderen Stellen hätte man sich weniger Pathos und mehr Analyse gewünscht. „Künstler oder Schriftsteller, die ... verhungerten, umgibt … eine auratisch aufgeladene Hülle“, die von „Literaturverwertern“ weiter modelliert werde, und das tut letztlich gerade dieses Buch. Die neun Textmontagen, die als Hörbuch beigelegt sind, reduzieren* sich wie bei Gogol spartanisch auf Speisenaufzählungen im Werk, oder verquicken sich wie bei Oskar *Panizza mit inspirierenden Gegenschnitten. Das zeigt, welch intensive Beschäftigung mit den behandelten Künstlern und Künstlerinnen dem Essay voranging – trotzdem hätte eine gedankliche Tiefenüberarbeitung dem Text selbst doch gut getan.


Hungerkünstler
Essay von Bernhard Kathan
Limbus Verlag 2010
224 S., geb., e 18,90
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