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Stillbach oder Die Sehnsucht - 35/2011

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Das wahre Leben

Sabine Grubers neuer Roman: eine Verzahnung politischer und privater Geschichten.

Von Johann Holzner

Stillbach. Eine kleine Ortschaft, eine Herkunftslandschaft, die ihre Kinder prägt wie selten eine. Ein fiktiver Ort. Dass er in Südtirol liegt, ist kaum zu übersehen. Der zentrale Schauplatz des Romans ist Rom. Aber seine Hauptfiguren kommen aus Stillbach. Sie sind geflüchtet, um eine Welt kennenzulernen, die weniger rückständig, vielmehr so weit wie möglich offen sein sollte für Erfahrungen, vor denen die Generation der Eltern noch gewarnt hat. Es ist trotzdem nicht Abenteuerlust, was die Protagonisten umtreibt. Es ist eher die Sehnsucht, wenigstens einen Zipfel des in Tagträumen ersonnenen und ausgemalten Lebens zu erhaschen: das wahre Leben.
Clara schreibt ein Buch über berühmte Liebespaare, die sich in Venedig aufgehalten haben, muss diese Arbeit allerdings zur Seite schieben, weil ihre Freundin Ines in Rom verstorben ist und sie nun gebeten wird, sich um deren Hinterlassenschaft zu kümmern. Ines wiederum hat ebenfalls geschrieben, einen Roman; nach dem Muster der Romane einer Kollegin, die Sabine Gruber heißt und ähnlich wie Clara mit unverschlüsselten Darstellungen von Beziehungen in der Literatur keine Freude hat.
Der Rahmen: Clara folgt den Spuren ihrer Freundin, um deren Nachlass aufzunehmen. Sie kommt dabei jedoch nicht nur mit den Erinnerungen und Erlebnissen von Ines, sondern auch mit einem ihrer Freunde stärker in Berührung als erwartet. In diesen Rahmen eingebettet: der Roman, den Ines hinterlassen hat. In zwei Handlungssträngen werden zwei zunächst isolierte, später mehr und mehr verknüpfte Geschichten von Hausmädchen erzählt, die beide in ihrer Jugend aus Stillbach ausgebrochen und nach Rom gegangen sind. Dienstmädchen-Geschichten, die einmal aus der Außen-, dann wieder aus der Innenperspektive vorgebracht werden: Sie sind alles andere als aufregend und dennoch spannend: zum einen, weil diese Geschichten mit einer Detailbesessenheit sondergleichen erzählt werden; zum andern, weil sie konkret und eng verzahnt sind mit der Geschichte Südtirols, mit der Geschichte Italiens von der Ära Mussolinis bis zur Gegenwart.

Positionen auf dem Prüfstand

Die Detailbesessenheit bewirkt, dass alle ideologischen Sehweisen durchkreuzt und desavouiert werden. Mit der Verzahnung privater und politischer Geschichten entwickelt sich der Roman zu einem Zeitroman, in dem nicht nur historische Figuren wie Erich Priebke, Aldo Moro und Alexander Langer eine Rolle spielen, sondern auch Positionen auf den Prüfstand kommen, die einer kritischen Betrachtung nach wie vor bedürfen. Aber der Roman ist nicht nur Zeitroman. Die dargestellten Beziehungen veranschaulichen, woran die Figuren leiden oder zu zerbrechen drohen, wonach sie sich sehnen, sofern sie es nicht ganz verlernt haben, die eigenen Bedürfnisse im Auge zu behalten; die dargestellten Empfindungen sind zeit*unabhängig. Und noch eins ist nicht zu übersehen: leise Ironie, vor allem dort, wo Erzählstrategien getestet und gleichzeitig aus anderen Positionen beleuchtet werden.


Stillbach oder Die Sehnsucht
Roman von Sabine Gruber
C. H. Beck 2011
379 S., geb., e 20,60
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