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Faust - 02/2012

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Am Ende der Neuzeit

„Faust“: Aleksandr Sokurovs Siegerfilm von Venedig kommt ins Kino. Der alte Stoff verstört 
und betört aufs Neue. Russisches Kino mit österreichischer Beteiligung vom Feinsten.

Von Otto Friedrich

Spätestens seit Friedrich Wilhelm Murnaus epochalem Stummfilm „Faust – eine deutsche Volkssage“ 
(1926) ist der Stoff um den Doktor, der einen Pakt mit dem Teufel schließt, Teil der Filmgeschichte. Selbstredend gehören Zitate aus diesem Jahrhundertwerk auch in ein Filmepos des 21. Jahrhunderts, das das Zeug zum Epochalen in sich trägt: Immerhin begeisterte Aleksandr Sokurovs „Faust“ auch die Jury des Filmfes-tivals von Venedig, sodass des Regisseurs letzter Teil seiner Tetralogie über die Beschaffenheit der Macht im September 2011 mit dem Goldenen Löwen belohnt wurde.

Von Murnau bis Tarkowski

Nicht nur Murnau, sondern auch Andrej Tarkowskij, der Übervater russischer Filmkunst, lugt aus diesem neuen Film hervor – und Johann Wolfgang von Goethe, der auch im Untertitel genannt wird, sowieso. Dass das Leinwandepos „nach“ dem Weimarer Dichterfürs-ten gestaltet ist, entpuppt sich dennoch als Irreführung, zitiert Sokurov allerlei inhaltlich und wörtlich aus dem deutschsprachigen Drama – der Filmemacher unternimmt aber nicht mehr und nicht weniger als eine radikale Neuinterpretation des Mythos: 200 Jahre sind an der Tragödie nicht spurlos vorbeigegangen.
Interessant auch die Vorläufer in des Regisseurs Macht-Tetralogie: Mit „Moloch“ hatte sich Sokurov 1999 Adolf Hitlers angenommen, ein Jahr später folgte Lenin („Taurus“), zuletzt setzte er sich 2005 in „Die Sonne“ mit den japanischen Weltkriegskaiser Hirohito auseinander. Dass Sokurov diesen drei realen monströsen Figuren vom Ende der Neuzeit eine mythologische Gestalt vom Beginn derselben folgen lässt, macht aus dem Film auch eine Apotheose dieser ein halbes Jahrtausend umstreichenden Epoche.
Der Russe drehte mit Landsleuten und deutschsprachigen Schauspieler: die Seelen zweier Kulturen in der Brust eines Films. Die Sprache ist zwar deutsch – auch Sokurovs Faust hat „nun, ach! Philosophie, / Juristerei und Medizin / Und leider auch Theologie / Durchaus studiert“, aber im Gespann mit slawischer Verstörung und ebensolchem Pathos wird die Fantasie gleichzeitig begreiflich wie unfassbar. Kein Stoff für schwache Nerven und vordergründige Deutung; aber beides war ja auch weder bei Goethe noch bei Murnau zu haben.

Johannes Zeiler & Georg Friedrich

Zwei österreichische Schauspieler ragen aus der Riege der Deutschsprachigen hervor: Die Titel-rolle gibt Johannes Zeiler, hierzulande vor allem vom Wiener Schauspielhaus bekannt. Ihm gelingt mit seiner Darstellung der Durchbruch als Filmschauspieler: ein Wissenschafter, der gleichzeitig als Lebens- und Sinnsucher unterwegs ist – und dabei in den Fängen des Unterweltlers, hier als „Wucherer“ bezeichnet, landet.
Viel kleiner ist die Rolle von Georg Friedrich als Wagner – überraschend seine Performance aber allemal: Der als austriakischer Parade-Strizzi und -Prolo Erfolgreiche (zuletzt in Karl Markovics’ „Atmen“) zeigt, dass er wirklich das Zeug fürs Charakterfach hat. Dass Hanna Schygulla dann auch als des Wucherers enigmatische „Ehefrau“ zur Verfügung stand, tut dieser Filmsache besonders gut.

Wucherer und Margarete

Und dann die Russen, allen voran Anton Adassinskij als zum Pfandleiher Mauricius Müller mutierter Mephisto, der mit diesem Doktor Faustus ein kongeniales Paar bildet. Isolda Dychauk scheint hier einem Madonnenbild von Raffael entsprungen und gerät als Margarete in den Strudel – der nicht anlässlich eines Osterspaziergangs, sondern beim Leichenbegängnis ihres Bruders, welcher von Faust zu Tode gebracht wurde, in die Fänge des unglücklichen und notorisch unter Geldnot leidenden Faust.
Ein Sog an Bildern und Anspielungen bietet Sokurovs Film. Diese Überladung ist gleichzeitig eine Betörung, der man sich nicht entziehen kann. Zwischen Geysiren und Fumarolen finden Faust und sein Mephis-to schließlich ihre Verdammnis (oder: Erlösung?).
Diese unbändige Opulenz an Bildern, Tönen, Klängen und Anspielungen hat es in sich. Russische wie deutsche Seelen neigen zu Abgründen. Wer sich davon nicht verstören lassen will, sollte sich ihnen – beispielsweise – mittels dieses außergewöhnlichen Films aussetzen.


Faust
RUS 2011. Regie: Aleksandr Sokurov.
Mit Johannes Zeiler, Anton Adassinskij, Isolda Dychauk, Georg Friedrich, Hanna Schygulla.
Polyfilm. 134 Min.
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