ro ro

Navigation
Literaturkritik | Filmkritik | Dossiers | Suchen
You do not have permission to download files

360 - 34/2012

Herunterladen
Inspiriert von Schnitzler

Peter Morgans Drehbuch, Arthaus-Spezialist Fernando Mereilles als Regisseur, eine Staraufgebot von Anthony Hopkins bis Rachel Weisz sowie 
Johannes Krisch als moderner Wiener Strizzi: „360“ ist das beachtliche Lebenszeichen aktuellen kosmopolitischen Kinos.

Von Otto Friedrich

Was weiland Arthur Schnitzler mit dem Stück „Der Reigen“ schuf, erweist sich als bleibende Inspiration: Peter Morgan, britischer Star-Drehbuchautor („The Queen“, „Frost/Nixon“) stellt sich dieser. Der Schwiegersohn von Karl Schwarzenberg, dem derzeitigen tschechischen Außenminister, lebt schon geraume Zeit in Wien und kann nicht verleugnen, dass ihn der Spiritus loci ordentlich packt. So ist das Buch zu „360“ entstanden – eine Kombination aus Reminiszenzen an Schnitzler gepaart mit der Erfahrung und Weltsicht eines Kosmopoliten, als der Morgan zweifellos gelten kann: „Einfach bloß dort (in Wien, Anm.) im Exil und ansonsten weiterhin in der angelsächsischen Kultur verankert sein, obwohl ich mich mitten in Europa befinde – das interessierte mich nicht“, meinte Morgan in einem Interview: „Ich war neugierig, wohin es mich führt, wenn ich meine Augen und Ohren wirklich für das öffne, was um mich herum passiert.“ Dabei sei, so Morgan, das Drehbuch zu „360“ herausgekommen.

Morgans grandioses Drehbuch

Doch bekanntlich ist auch ein sensationelles Drehbuch noch kein guter Film. Aber Peter Morgan ist diesbezüglich Teil einer Mannschaft, die es in sich hat: Als Regisseur fungiert der Brasilianer Fernando Meirelles, der 2002 mit „City of God“ weltbekannt wurde und der aus „360“ einen –nach Peter Morgans Worten – in jeder Hinsicht „zarten und hoffnungsvollen Film“ werden ließ. Dem Jubel des Drehbuchautors kann sich der Rezensent vollinhaltlich anschließen. Und schließlich ist auch das schauspielerische Kollektiv nicht nur stimmig, sondern wirklich erstklassig. Auf der Besetzungsliste finden sich da Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Moritz Bleibtreu, Ben Foster sowie – als „österreichischer“ Beitrag zum Film – Johannes Krisch.
Der Reigen anno 2012 spielt natürlich nicht nur in einer Stadt. Wien, London, Paris, Denver, Phoe-nix/Arizona sowie ein wenig Brasilien und auch noch Berlin: Diese Städte sind durch ungewöhnliche Lebensgeschichten miteinander verbunden. Das Ganze beginnt damit, dass in Wien ein britischer Geschäftsmann eine Nacht mit einer slowakischen Prostituierten zwar nur beinahe verbringt, aber darob von seinem deutschen Geschäftspartner erpresst werden kann. In London treibt es die traute Gattin mit einem brasilianischen Fotografen, der seinerseits dadurch seine mitgereiste Freundin betrügt. In Paris verzehrt sich derweil ein verwitweter muslimischer Zahnarzt nach seiner russischen Assistentin, deren Mann wiederum für einen russischen Mafiaboss in Wien tätig ist. Als die brasilianische Freundin ob ihres untreuen Fotografen die Heimreise via USA antritt, trifft sie im Flugzeug einen gebrochenen Gentleman, der seit Jahren nach seiner abgängigen Tochter sucht. Die Brasilianerin gerät an einen in Resozialisierung befindlichen Sexual-straftäter und bringt diesen ob ihrer naiv-erotischen Avancen fast um den Verstand.
Die hier kursorisch aufgezählten Versatzstücke aus dem Inhalt des Films zeigen, wie kunstvoll komplex „360“ gewoben ist. Schnitzler mag dabei ja der Ausgangspunkt sein, aber Robert Altmans Meisterwerk an Episodenverwebungen „Short Cuts“ aus dem Jahr 1993 kann da genauso als Vorbild gelten. In allen Einzelgeschichten und -schicksalen kommt in kaum wiederholbarer Meisterschaft gleichzeitig die Gebrochenheit fast jeder der dargestellten Existenzen ebenso zur Geltung wie die Einsicht, dass die-se Leben weitergehen, auch wenn es da und dort (aber keineswegs überall) zum Showdown kommt.

Meirelles und die Städte

Eine weitere Kunstfertigkeit, auf die sich Regisseur Fernando Meirelles versteht, ist das Prinzip, die Städte der Handlung wohl erkennbar dazustellen, aber nicht mit touristischen Klischees, auf dass der Dümmste auch draufkomme, dass diese Episode nun in Wien spielt und jene in Paris oder London. Meirelles geht da einen anderen Weg als etwa Woody Allen, der auch im nächste Woche anlaufenden „To Rome With Love“ genau auf diese Klischees setzte und mit ihnen spielt bzw. diese auch bricht.
Der Zugang von „360“ besticht in jeder Hinsicht. Obwohl ein Motto des Films auch von Woody Allen sein könnte: „Ein weiser Mann sagte einmal, wenn du zu einer Weggabelung kommst, dann nimm sie. Er vergaß nur anzugeben, welchen Weg man weitergehen sollte.“ Der Film „360“ ist nichts als eine Paraphrase über solche Sentenzen.
Keine Frage, dass dieses Thema mit Variationen ein cineastisches Highlight darstellt.


360
GB/A/F/BR 2011. Regie: Fernando Meirelles.
Mit Anthony Hopkins, Jude Law, Rachel Weisz, Johannes Krisch.
Filmladen. 115 Min.
You do not have permission to download files


DownloadsII 5.0.4 by CyberRanger & Jelle
Based on ecDownloads 4.1 © Ronin



Powered by vBulletin® Version 3.6.5 (Deutsch) | Copyright ©2000 - 2005, Jelsoft Enterprises Ltd.
ro
ro ro
Werbung
  16:23:18 07.18.2005