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Die Lebenden - 47/2012

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Nichts ist vergangen

„Die Lebenden“: Barbara Albert erzählt von 
 einer jungen Frau, die die SS-Vergangenheit 
des Großvaters aufzuarbeiten sucht.

Von Matthias Greuling

Mit „Nordrand“ hat Barbara Albert 1999 eine kleine Geschichte groß gemacht, hat von den sozialen Rändern der Gesellschaft berichtet, in eindringlichen Bildern und auf Basis ihrer Figuren den Zuschauer vom Besonderen auf das Allgemeine schließen lassen. In ihrer neuen Arbeit „Die Lebenden“ geht Albert den umgekehrten Weg: Sie hat ein Überthema gefunden, an dem sie sich abarbeiten kann, muss: Die NS-Zeit und ihre katastrophalen Folgen, der Holocaust und die Schuldigen, die zum Teil bis heute unerkannt unter uns leben. Mitglieder der Partei oder der SS, denen es nach dem Krieg gelang, unterzutauchen, neue Identitäten anzunehmen, und in Freiheit weiterzuleben.
Der deduktive Ansatz, den Albert in „Die Lebenden“ verfolgt, ist gespeist von eigenen biografischen Ereignissen: „Mein Großvater stammte aus Siebenbürgen, wo viele junge Männer zur SS gingen: aus pragmatischen Gründen, etwa, weil sie mehr bezahlt bekamen als bei der rumänischen Armee, aber auch aus Überzeugung. Er war später Wachmann in Ausch-witz, sagte aber, dass er nie jemanden umgebracht habe. Ich habe mit meinem Großvater nie darüber gesprochen“, sagt Albert.

Erst nach dem Tod erfahren

„Mein Großvater starb 1999, während ich ‚Nordrand‘ drehte, und ich 
habe das alles damals noch nicht gewusst. Ich recherchierte seine 
Geschichte erst nach seinem Tod.“
Albert erzählt in „Die Lebenden“ von einer jungen Frau namens Sita (Anna Fischer), die sich auf eine sehr persönliche Reise in die eigene Vergangenheit macht, als sie in einer Phase von Richtungslosigkeit steckt, zwischen wechselnden Beziehungen und Unialltag. Als Sita 
herausgefunden haben will, dass ihr eigener Großvater, der heute im Altersheim sitzt, einst ein SS-Mann war, versucht sie, diese schreckliche Erkenntnis zu belegen.

Spurensuche durch halb Europa

Die Suche nach der Wahrheit führt sie von Berlin über Wien bis nach Warschau und Rumänien, wo sie nicht nur den Fakten nachspürt, sondern auch ihr eigenes Dasein völlig neu denken und konstruieren muss: Wie ändert sich eine Persönlichkeit, wenn sie mit den Schatten der Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert ist?
„Es erging mir damals ähnlich wie Sita im Film“, sagt Albert. „Zunächst ist man natürlich vollkommen schockiert, und langsam begreift man die Situation, in der es stark auch um Familiensysteme geht. Vermutlich wäre mein Großvater nach dem Krieg zum Tod verurteilt worden, hätte er damals gesagt, dass er in Auschwitz war. Die NS-Zeit war ein Tabu in der Familie. Auch seine Söhne wussten lange nicht, was vorgefallen war. Ich hätte ihn gern zu seiner Vergangenheit befragt.“ Vielleicht sei auch deshalb der Film entstanden.“
Alberts Versuch, die von ihrer eigenen Familiengeschichte inspirierte Erzählung als traumatische Erfahrung ohne Ausweg und ohne Lösung zu beschreiben, funktioniert nur bedingt: Zwar ist ihr Ensemble (neben Anna Fischer spielen August Zirner, Hanns Schuschnig und Itay Tiran) durchwegs stimmig, jedoch springt der Film bisweilen zu hastig von einer Sinn- und Wahrheitssuche in die nächste; durchaus adäquat vom Konzept her, da es ja um eine identitätssuchende Frau geht, jedoch lassen Alberts viele Ortswechsel kaum Momente der klaren Fokussierung auf die Hauptfigur zu; insgesamt wirkt „Die Lebenden“ dadurch unnötig fahrig.

Opfer müssen nicht verzeihen

Der Stil ist aber durchaus Absicht, auch, um der unzählige Male behandelten Thematik neue Seiten abzugewinnen: „Es gibt zwar viele historische Filme, die zeigen, dass die Täter böse und die Opfer gut waren, aber es gibt nicht so viele Filme, die sich auf die Grauzonen konzentrieren. Ich wollte einen Mann zeigen, der eigentlich ein lieber Opa ist – doch hinter seiner Fassade werden plötzlich tiefdunkle Flecken sichtbar“, sagt Albert. Aber es gebe hier keine eindeutige Lösung wie in einem klassischen Entwicklungsroman.
Für ihre eigene Geschichte hat Albert in „Die Lebenden“ einige Antworten gefunden. Aber hat sie dem eigenen Großvater verziehen? „Das ist eine wichtige Frage. Am Anfang, als ich erfuhr, was geschehen war, spürte ich viel Erschütterung und Scham. Aber Schuldgefühle helfen nicht weiter. Ich habe die Geschichte, psychologisch gesprochen, integriert. Ich verstehe, wo ich herkomme, und kann auf dieser Basis aktiv schauen, wo ich Verantwortung übernehmen und dazu beitragen kann, dass so etwas nicht mehr passiert. Was meinen Großvater betrifft: Ich bin nicht in der Position, ihm zu verzeihen. Es wäre anmaßend. Da nähme ich mich zu wichtig in dieser Geschichte“, ist Albert überzeugt. „Es gibt Opfer, die ihren Peinigern verzeihen konnten. Ich glaube aber, es ist nicht die Pflicht der Opfer, zu verzeihen.“


Die Lebenden
A 2012. Regie: Barbara Albert.
Mit Anna Fischer, August Zirner,
Hanns Schuschnig. Polyfilm. 112 Min.
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