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Wenn Gott tot ist - 01/2013

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Verkannt und überlesen

Brigitte Schwaigers „Memoiren“ zeigen die Lebenstragik der unterschätzten Autorin.

Von Evelyne Polt-Heinzl

„Wenn Gott tot ist, gibt es keine Sünden“, dachte die 14-jährige Brigitte Schwaiger einst erleichtert in ihrem tief in die nationalsozialistische Vergangenheit verstrickten Elternhaus in Freistadt. Dieser Satz gibt nun ihren schmalen, Fragment gebliebenen „Memoiren“ den Titel. Sie zeigen ein weiteres Mal die Lebenstragik Brigitte Schwaigers: das Aufwachsen in der damals undurchdringbaren „Angstwelt“ der schwarzen Pädagogik, das Scheitern an Männerbeziehungen wie Freundschaften, aber auch ihre sarkastische Lakonik, die immer so leicht mit Naivität verwechselt wurde.

Vorurteile und Vorwürfe

Doch schon in ihrem Debütroman „Wie kommt das Salz ins Meer“ 1977 schneidet sie die zeittypischen Gen-derdebatten schräg an. Das beginnt- bei der grotesken Eröffnungsszene als Paraphrase auf das schlafende Schneewittchen. Humor und Satire werden Autorinnen oft nicht zugebilligt und noch öfter gar nicht wahrgenommen – ein Phänomen, das auch die Rezeptionsgeschichte Brigitte Schwaigers geprägt hat. Als sie am 26. Juli 2010 tot in der Donau treibend aufgefunden wurde, verwendeten alle Meldungen die Formulierung, sie habe mit ihren späteren Werken nicht mehr an den phänomenalen Erfolg ihres Romanerstlings „anknüpfen können“. Das weist die ‚Schuld‘ ihrem Versagen zu und vergisst die Frage, was die literarische Öffentlichkeit dazu beigetragen hat.
Es war der Betrieb, der Brigitte Schwaiger als Fräuleinwunder ante litteram mit einiger Häme sehr rasch wieder fallen ließ. Man hat ihre Bücher – immerhin zehn Romane und eine Reihe von Prosa- und Dramenbänden – kaum mehr gelesen, oder nur mit größter Voreingenommenheit. Geringschätzige Untertöne waren zwar schon bei ihrem Debüt zu hören, doch da ließ sich der „Publikumserfolg‘, der in Vor-Kehlmann-Zeiten noch etwas Anrüchiges hatte, nicht aufhalten. Erst „Fallen lassen“, das Protokoll ihrer eigenen Zerstörung, die in eine jahrelange psychische Erkrankung mündete, wurde 2006 wieder ein Achtungserfolg.
Das zentrale Argument gegen Schwaiger blieb über die Jahrzehnte der Vorwurf rein autobiografischen Schreibens in traditionsreicher Verwechslung von Fiktion und Realität. Da bemühe sie sich, „in eine andere Welt zu entfliehen“, sagt eine von Schwaigers Figuren, „und jetzt sagen die Leute: Ihr Buch ist wahrscheinlich autobiographisch“. Überlesen wurde meist auch Schwaigers Auseinandersetzung mit dem Faschismus, nicht in der weinerlichen Manier des „mein Vater war auch ein Nazi“, sondern in der lebenspraktischen Fragestellung, wie sich Werthaltungen der Eltern in das Handeln der Kinder verlängern, zum Beispiel im Umgang mit jüdischen Mitbürgern, und sei es in Liebesverhältnissen. Für diese psychischen Zerrüttungen der Nachkriegsgeneration begann sich die Forschung freilich erst in allerjüngster Zeit zu interessieren.

Übergangene Literatur

Vielleicht am meisten Unrecht ist Schwaigers kunstvollem Rollenmonolog „Die Galizianerin“ (1982) geschehen. Sprachlich perfekt durchgehalten im Jargon der vernichteten östjüdischen Kultur, gibt das Buch den Überlebensbericht von Chawa Fraenkel alias Eva Deutsch wieder, die als Einzige ihrer Familie die Vernichtung der polnischen Juden überlebte. Bei Erscheinen wurde das Experiment gelobt, aber in der umfangreichen Literatur über NS-Bewältigungs-Romane fehlt es fast durchgängig. Brigitte Schwaigers Schilderung über das Zustandekommen dieses Projekts gehört zu den dichtesten Passagen ihres auch in seiner ungeglätteten Fragmentarität lesenswerten Lebensberichtes. Wichtig wäre freilich vor allem, dass er dazu anregt, Schwaigers Bücher wieder zu lesen.


Wenn Gott tot ist
Memoiren von Brigitte Schwaiger
Czernin 2012
200 S., geb., 
e 19,80
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