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Blick auf den Hafen - 01/2012

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Verknüpfte Schicksale

Durch die Übersetzung ist sie nun neu zu ent-decken: Elizabeth Taylors grosse Erzählkunst.

Von Oliver vom Hove

„A devil of a name“ meinte Lord Byron einst über den von ihm bewunderten Grillparzer. Der Ausruf über dessen wenig marktzügigen Eigennamen könnte auch Elizabeth Taylor gelten, jener englischen Autorin (1912-1975), die ihren Namen mit der weltbekannten Hollywood-Actrice teilen musste.
„Nein, ich werde nie berühmt sein“, vermutet in dem Roman „Blick auf den Hafen“ die Schriftstellerin Beth Cazabon. Tagsüber ist sie, unter Vernachlässigung der Mutterpflichten, ganz in ihrer Schreibarbeit versunken – und abends „im Innersten froh bei dem Gedanken, sich mit ihren Büchern bis ein, zwei Uhr in der Nacht einzuschließen.“ So gefesselt ist Beth an ihre Kunst, dass sie das Liebesverhältnis gar nicht bemerkt, das ihren Ehemann seit Jahren an ihre beste Freundin bindet. Im Finale des Romans, als sich das Verhältnis der beiden auf überraschende Weise auflöst, ist auch Beth mit ihrem Erzählwerk am Ende – ein ironisches Selbstporträt-Spiel der Autorin, die gleichfalls mit ihrem Mann zurückgezogen auf dem Land lebte und jeglicher Ruhm-Anbahnung beharrlich auswich.
Mit „Blick auf den Hafen“, Taylors drittem, 1947 erstmals erschienenem Roman, stellt der Dörlemann-Verlag eine Meisterin anspruchsvoller Erzählkunst dem deutschsprachigen Lesepublikum vor. Der Krieg ist kaum vorbei in der erzählten Zeit. Im zumeist trüben Licht des Hafenstädtchens Newby laufen die Frauen da und dort noch in Uniformen herum. Die es nicht tun, stecken großteils in selbstgeschneiderten Kostümen und tragen Hüte, möglichst nach der neuesten Mode.
Die verbliebenen Männer sind tagsüber in ihrer Mehrzahl unsichtbar: Sie befinden sich als Fischer mit ihren Schleppnetzen draußen im Meer auf Fang. Hinter dem Tresen der Bar klebt ein überständiges Kriegsplakat mit der Churchill-Parole: „Die Möglichkeit der Niederlage ziehen wir nicht in Betracht.“ Es ist zweifelhaft, ob die Niederlage die Menschen nicht hinterrücks doch noch einholt: Sieger sehen anders aus.

Sehnsucht nach Veränderung

Taylor verbindet Szenen aus dem Leben in dem abgelegenen Hafenflecken mit den begrenzten Erlebnissen einer Handvoll Menschen. Illusionslos beschreibt sie eine Wirklichkeit mit genau begrenztem örtlichen und zeitlichen Rahmen. Eindrucksvoll gelingt es ihr, eine Atmosphäre von düsterer Perspektiv-losigkeit, Trauer und verzweifelter Hoffnung einzufangen, die den Leser ob der eindringlichen Darstellung in jeder Zeile in Bann schlägt. Sie schreibt über Frauen, die sich im Kleinstadt-Stillstand von 
Newby vor der gleichförmigen Zukunft noch mehr fürchten als vor der Langeweile der Gegenwart. Die sich in einer vagen Sehnsucht nach Veränderung verzehren und dennoch 
tapfer und tatkräftig dem Leben in der Enge die Stirn bieten.
Als Erzählerin ist Taylor eine Liebhaberin des Beiläufigen, der feinen Untertöne und kenntnisreichen Anspielungen. „Stil“ kommt vom lateinischen „stilus“, ist die mit dem Stift zu Papier gebrachte eigenständige Schrift, gewissermaßen die eigenhändige Sig-natur der Person. Diese hier wirkt entschlossen, klar abgesetzt, unverschnörkelt. Wie sich draußen auf dem Meer die Fische in den ausgeworfenen Fangnetzen der Fischer verheddern, so verwickeln sich im Hafen die Schicksale der Menschen im engmaschigen Netz ihrer Gefühle und Verhältnisse. Sentimentale Männer werden beim Bier „von ihrer eigenen Herzensgüte beflügelt“. Paare treffen sich, gehen ein Stück des Weges miteinander, trennen sich wieder.
Behutsam setzt Taylor ihre Geschichten vom schattenseitigen Nachkriegsleben vor allem der mittelständischen Frauen in Gang, verknüpft sie nach und nach dichter, um sie schließlich zu einem vielseitigen Gesellschaftsbild der kleinen, dunkelgrau getönten Hafenstadt zusammenzufügen. Ein großes Lesevergnügen schafft neben der feinsinnigen Figurenzeichnung und überlegenen Szenenverknüpfung die Fähigkeit der Autorin, in malerischen Naturbildern mit wenigen Strichen eine geradezu impressionistische Meisterschaft zu entfalten. Bettina Abarbanells ebenso gelenkiges wie geschmeidiges Übersetzungsdeutsch kommt dieser sprachlichen Stimmungskunst vorzüglich entgegen.


Blick auf den Hafen
Roman von 
Elizabeth Taylor 
Übersetzt von Bettina Abarbanell
Dörlemann 2011
380 S., geb., 
e 24,60
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