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ausgeübt. - 05/2012

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Täterin ohne Tat

Die Lyrikerin Anja Utler übt mit ihrem Prosaband den Ernstfall eines Textes.

Von Klaus Kastberger

Ein simples Partizip, am Ende durch einen Punkt ergänzt, setzt Anja Utler als Titel ihres neuen Buches: „ausgeübt.“ In diesem einzelnen Wort stellt sich sofort die Frage, was denn nun in jenem fragilen Prosa-geflecht eigentlich ausgeübt wird? Im Mittelpunkt des insgesamt kaum mehr als 100-seitigen Bandes steht eine junge Frau. Von ihr erfahren wir, dass sie sich von ihrer Umwelt in mehreren Gewaltakten dis-tanziert hat, im Text selbst werden diese Befreiungsschläge als „Anschläge“ bezeichnet.

Tat und Flucht

Gleich zu Beginn des Textes ist – ganz in diesem Sinn – von einem „Messer“ die Rede, das wohl benutzt worden ist, und in der Mitte des Textes schimmert etwas wie eine Flucht durch, die die Protagonistin in verschiedene Hotelzimmer führt. An einer anderen Stelle, weiter hinten dann, versichert sich die Frau ihrer Tat. Zumindest eines sei es nicht gewesen: Mord. Aber wem vermöchte man in einem 
solch kunstvoll arrangierten Stimmengewirr tatsächlich zu trauen? Einer Prosa, die „ausgeübt“ heißt, in der aber gerade eines nicht ausgeübt wird: die Faktizität von Aussagen.
Überall dort, wo es um solche Faktizitäten geht, wäre, das was Utler mit ihrem Text sagt, völlig unbrauchbar: im Gerichtssaal etwa oder im Kriminalroman. Genau das nun aber, eine realistische Erzählung eben, will dieser Prosaband nicht sein. Die Tat selbst ist in ihm der unwesentlichste Teil, weder kriminologisch noch psychologisch erweckt sie sonderliches Interesse. Bedeutsam scheint lediglich, dass die Protagonistin durch ihre Taten auf eine andere Bahn gerät. „Eine Kurskorrektur“ eben, wie es der Untertitel des Buches noch einmal und wie zur Verdeutlichung sagt.
Eine Kurskorrektur liegt mit dem Band „ausgeübt“ wohl auch hinsichtlich des bisherigen Schreibens der 1973 geborenen und heute in Regensburg und in Wien lebenden Autorin vor. Bislang galt Ulter als reine Lyrikerin, und mehr noch: Vielfach wurde sie bereits als eine der großen Hoffnungen der Gattung gehandelt. Das kann da und dort auch zur Bürde werden. So vermerkte beispielsweise Die Zeit, dass die Autorin von den Regeln der literaturwissenschaftlichen Kunst geradezu durchtrieben sei. Zur Feststellung glatter Unlesbarkeit wäre es von da nicht mehr sehr weit gewesen. „ausgeübt.“ – nun, der Titel des neuen Prosabandes, will wohl auch in diesem Sinn verstanden sein. Ganz so, als ob hier die literarischen Fingerübungen ein Ende hätten und nunmehr der Ernstfall eines Textes beginnt.

Fläche aus Blättern

Freilich, und das überrascht bei Utler nicht, wird aber auch dieser Weg vom Text nicht bis zum Ende durchschritten. Aus vierzehn Teilabschnitten, die jeweils als „Blätter“ bezeichnet werden, baut sich die Fläche auf. Dazwischen gestreut sind Passagen, die allesamt mit den beiden Wörtern „fest hier“ betitelt sind, ganz so, als müsste an diesen Stellen etwas festgezurrt werden, weil es ansonsten zu flüchtig ist. Auch einige andere lose Elemente, Gedichte und Marginalien, finden sich in der Prosa eingetragen, sodass insgesamt ein formal hochgradig strukturierter Raum entsteht.

Eindringliche Bilder

Hinsichtlich der Tat, die die literarische Kurskorrektur gleichermaßen wie den lebensweltlichen Anschlag meint, befinden sich alle Textelemente in gleicher Entfernung. Wie auf einem Orbit umkreisen die einzelnen Texttrabanten jenen Punkt, an dem es möglich gewesen wäre, für die Tat einen konkreten Ort, eine konkrete Zeit und konkretes Personal zu nennen.
Wer dies für eine Spielerei hält, übersieht, dass sich das Subjekt, das aus Utlers Text spricht, erst aus diesem Modell heraus baut. Einerseits scheint es mit seiner Sprache ganz verwachsen und andererseits von ihr völlig distanziert. Gerade auch dafür hat die Autorin in „ausgeübt“ wirklich eindringliche literarische Bilder geschaffen.
Eine Passage nur, winzig klein, zum Schluss: „Ich habe eine getötet, Farn um die Beine, dann Moos, die Stämme, wie hängend Insekten, sind, und ich, aber ich: habe eine getötet.“


ausgeübt.
Eine Kurs-korrektur
 Von Anja Utler

Edition Korrespondenzen 2011
112 S., kart., 
e 18,-
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