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Reitergeschichte und andere Erzählungen - 05/2012

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Begehren und Aufbegehren

Hugo von Hofmannsthal erzählte in der „Reitergeschichte“ radikal modern.

Von Daniela Strigl

In der Weihnachtsbeilage der „Neuen Freien Presse“ erschien 1899 eine Novelle, die als Musterbeispiel der Fin-de-siècle-Literatur gilt und bis heute nichts von ihrer suggestiven Wirkung eingebüßt hat: Hugo von Hofmannsthals „Reitergeschichte“ spielt 1848, während Radetzkys Feldzug in Ober-italien.
Ein Wachtmeister Anton Lerch begegnet, als er mit seiner siegreichen Schwadron durch das besetzte Mailand reitet, einer Frau, die durch angedeutete künftige Bereitwilligkeit zur – nicht bloß erotischen – Verlockung wird: „In ihm war ein Durst nach unerwartetem Erwerb, nach Gratifikationen, nach plötzlich in die Tasche fallenden Dukaten rege geworden. Denn der Gedanke an das bevorstehende erste Eintreten in das Zimmer mit den Mahagonimöbeln war der Splitter im Fleisch, um den herum alles von Wünschen und Begierden schwärte.“

Zersplitterung des Bewusstseins

Lerch schert aus Reih und Glied und findet sich in einem abstoßend verkommenen Dorf wieder, einem Hadesort, an dem ihm (kein gutes Omen!) ein Doppelgänger erscheint. In einem Scharmützel erbeutet der Wachtmeis-ter darauf den prachtvollen Eisenschimmel eines sterbenden Feindes. Als der Rittmeis-ter befiehlt, alle Beutepferde loszulassen, gehorcht Lerch nicht und wird von seinem Vorgesetzten erschossen.
Die „Reitergeschichte“ ist eine unätherische, gewalttätige Erzählung, und sie ist radikal modern, weil ihr Erzähler jede Sinngebung verweigert, weil sie enigmatisch ist und bleibt – das beste Mittel, um Leser nachhaltig an einen Text zu fesseln. In seiner Dichte, den vielen Doppelungen und Querverweisen, und seiner bildstarken Rätselhaftigkeit bietet dieser alle Ingredienzen für eine psychoanalytische Deutung geradezu auf dem Silbertablett: Einerseits fungiert die Sexualität als Triebkraft der Handlung. Andererseits ist die Szenerie von der Stimmung und der Symbolsprache des Traumes bestimmt.
Die hier vorgeführte Geste der Rebellion, die Zersplitterung des Bewusstseins und die extreme Subjektivität der Darstellung, vielleicht auch der Kleist’sche Ton mögen dem Autor später missfallen haben: Er nahm dieses Juwel nicht einmal in seine „Gesammelten Werke“ auf.


Reitergeschichte und andere Erzählungen
Von Hugo von Hofmannsthal
Reclam 2000. 80 S., kart., e 2,50
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