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wir sind idioten - 40/2012

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Liebe, Begehren und Krise

Rosa Pock schaut in die Abgründe 
menschlichen Zusammenlebens.

Von Maria Renhardt

Leichtfüßig in den Text geschmolzene narrative Spuren sind in Rosa Pocks Büchern selten zu finden. Immer schon hat sich die Witwe H.C. Artmanns eine eigenständige literarische Welt aufgebaut und sich herkömmlichen Erzählprinzipien verweigert. Und stets hat ihr die Kritik Lob gezollt. So schreibt der Autor Urs Widmer einmal über sie, dass „ihre Sprechweise nach kürzester Zeit selbstverständlich wirkt, obwohl sie das, auf den zweiten Blick, keineswegs ist. Wir sind im Gegenteil Zeugen der Geburt einer ureigenen Sprache, und natürlich irritiert uns diese auch, wie alle Rätselsprachen.“

Karge Ansprüche ans Leben

In ihrem neuen Prosaband versammelt Pock drei Texte unterschiedlicher Länge und unterschiedlichen Sprachstils. Gemeinsamer thematischer Brennpunkt sind Beziehungen und Lebensentwürfe im urbanen und ländlichen Raum, die in heterogenen Formen schnörkellos vorgestellt werden, reduziert auf die Eckdaten menschlichen Zusammenlebens. In „anton und antonia“ protokolliert Pock in stakkatoartig aneinandergereihten Sätzen das Hin- und Hergleiten zweier Menschen zwischen der Welt der Wünsche und Träume und der bitteren Realität, die immer wieder tiefe, schmerzende Kerben in ihren Lebensbogen geschnitten hat. Selbstverständlich integriert in ihr Leben ist der Glaube an Gott mit täglichem Gebet und Sonntagsmesse: „ihre beste zeit haben sie immer vor sich, das ewige leben im paradies ist konkret.“ Nach dem Krieg pachtet Antonia ein Gasthaus, Anton wird Vertreter für Schweinefutter, mit den Kindern läuft nicht immer alles nach ihren Vorstellungen.
Doch bei all den Schwierigkeiten finden sie trotz vieler Rückschläge immer Halt im Glauben: „der mensch hat nicht das recht zu verzweifeln.“ Mit dem messerscharfen Blick von außen entlarvt Pock die kargen Ansprüche Antonias an ihr Leben. „rebellion ist ein fremdwort.“ Aber die Mutter scheitert, wenn sie ihren Töchtern traditionelle Rollen überstülpen möchte: „anständig, duldsam, fleißig, bescheiden und gottesfürchtig sollen die Mädchen sein.“ Die nächste Generation wehrt sich gegen die althergebrachten „Imaginationen von Weiblichkeit“. Gerade durch das distanzierte Erzählen macht Pock Stereotypen deutlich und zeigt, dass Indoktrination heute nicht mehr so funktioniert.
Auch für Maria und Paul hält das Leben keine geraden Linien bereit. Die beiden begegnen einander beim Heurigen: „eine fliege sucht ihr klebeband – ein klebeband sucht seine fliege.“ Als Kind einer Alleinerzieherin hat Maria schon früh das Bedürfnis, sich selbst „nicht zu verfehlen“, während Paul, der Sohn reicher Eltern, mit dem Geheimnis in sich selbst nicht umzugehen weiß. Glücklich werden sie nicht, ja sie bereuen ihren Zufall.
Der längste Text „wir sind idioten“ ist in typischer Pock-Manier geschrieben. Tiefgründige Reflexionen über verschiedenste Facetten von Liebe und Krise, passend zur gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation, leuchten aus aufgebrochenen Satzstrukturen, die individuellen Syntaxregeln folgen, zum Teil gespiegelt in der Wirtschaftssprache. Dazu kommen kunstvolle Stilfiguren und zarte Metaphorik. Hier zeigt sich Pock in besonderer Weise als Sprachartistin. Liebe erhellt sich als etwas Schwebendes und Unergründliches: „undurchschaubar ich mir bleibe, wie undurchschaubar du mir bleibst.“
Mit einem diagnostisch klugen Blick durchmisst Pock die Gefilde unterschiedlicher Beziehungsformen zwischen Liebe, Begehren, Illusion, Duldsamkeit und Streit. Faszinierend ist, wie pointiert sie mit ihren „Sprachsäbeln“ die Sätze zuspitzt. Wenige Worte genügen, um eindringliche Bilder zu hinterlassen. Der Charme des Geschönten ist Rosa Pock allemal suspekt, der Glanz bleibt Utopie: „morgenröte wir gehen auf suche nach dir, und greifbar du bist und doch nicht greifen wir können.“


wir sind idioten
Drei Geschichten von Rosa Pock

Droschl 2012
90 S., geb., 
e 16,00
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