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Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Bade

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Voller Vögel

Franzobels neuester Roman „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“ Fabuliert und Fantasiert hemmungslos darauflos.

Von Brigitte Schwens-Harrant

Das Badezimmer ist ein konflikt-reiches Terrain im Zusammenleben der Geschlechter, und mit der zunehmenden Kosmetisierung des männlichen Körpers gerät die Bas-
tion weiblichen Rückzugs ins Wanken, wie es einst dem Boudoir beim Auftritt der Bubikopfgeneration erging. Franzobels „Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind“ könnte ins Zentrum dieses Umbruchs zielen, doch hinter dem Titel verbirgt sich eine Art Einführung in die Stöhnforschung.
Die verordnet sich Hildebrand Kilgus als Selbsttherapie. Aufgewachsen im heruntergekommenen Gasthaus Saurüssel in Sumpfing, leidet er an Gefühlsblindheit oder Alexithymie – Franzobel liebt gelehrsame Termini – und sucht nach seinem Urknall-Kindheitstrauma. Das ist ein multipler Kindesmissbrauch, der omnipräsent scheint in Sumpfing, das insgesamt mit Bedacht und vielen Wiederholungen als Weltzentrum dumpfer Alkoholverblödung etabliert wird. Und es ist wie vieles im Roman auch vorgeformtes Material, etwa aus Gerhard Polts Film „Der Geist des Chianti“; nach Rom kommen beide Sumpfinger Helden, ein Rufus und ein römischer Krieger spielen hier wie dort ihre skurrilen Rollen.
Was Kilgus von Station zu Station seines „Lebensfahrplans“ vor allem umtreibt, ist seine Obsession für weibliche Stöhnerinnen – beim Sex, bei der Geburt, im Puff, mit dem Nebenterrain der Sterbenden. So wird er der Reihe nach „Hebammer, Puffvater, Sterbebegleiter, Sargträger“, heiratet dann die dicke Bayreuth, die fälsch-
licherweise „hemmungsloseste Stöhn-
hoffnung“ in ihm erweckt, nimmt sich eine begabte Stöhnerin zur Geliebten, alles vergeblich. Vielleicht hätte sich Kilgus einfach Rob Reiners „Harry und Sally“ ansehen sollen, vor allem die Szene im Katz’s Delicatessen-Restaurant in Manhattan – an die heute eine Gedenktafel erinnert –, in der Sally vorführt, wie anlasslos sich akustische Begleitmusik weiblicher Orgasmen herstellen lässt.

Vervogelung und Vogelkot

So aber reist Kilgus unerlöst nach Rom, dienstlich, denn er ist mittlerweile bei der Firma ATMER tätig, die in guter Weltverschwörungstradition versucht, sich als „Wetter-UNO“ zu installieren, um Regen wie Sonnenschein käuflich zu machen. Just der tolpatschige Kilgus hat für die Firma zerstreute Forschergenies zu betreuen, diesfalls den Risikoforscher Dr. Bird. Doch dazu kommt es nicht, weil alles schief geht; es beginnt mit einem verlorenen Notizbuch, einem verwechselten Koffer und einem freigelassenen Vogel, dann entgleisen die Dinge hemmungslos. Alles aber hat mit Vögeln zu tun, als Nomen wie als Verb. Kilgus versteht die Sprache der Vögel, führt als Vogel-Messias einen Freskensturz im Petersdom herbei, wobei animierte Sumpfinger Akteure herabfallen, fürchtet seine Vervogelung, kommt in totaler Vogelverkotung doch noch zu seinem Mekka-Erlebnis, Teufel, Dämonen und Exorzismus stehen im Raum, aber auch die Mafia oder Knockout-Tropfen.
Versteht man fabulieren als besonders fantasie- und kunstvolles Erzählen, fehlt es an Fantasie hier zweifellos nicht. Allerdings passen die Fäden, Fädchen und Ankertaue nicht immer zusammen oder verheddern sich leicht mit ihren Überlängen. Humorig hingepolterte politische Unkorrektheiten haben ihr Provoka-tionspotential weitgehend eingebüßt, sie funktionieren überhaupt selten, wenn eine „intellektuelle“ Lesart mit angeboten wird. Die Bergpredigt des Vogel-Führers – es ist ein Eisvogel – schätzt Kilgus als „Oberstufenniveau“ ein, und das gilt für manche der schenkelklopfenden Kalauer oder Phantasien wie die vom eigenen Grabstein mit Zapfhahn und einem braune Marmorwürste kackenden Engel. Zwar sind die roten Motivseile sehr sichtbar gespannt, aber die daran aufgereihten Anekdoten und Szenarien hängen ein wenig verloren und allzu zahlreich in den Erzählhimmel voller Vögel. Beinahe wäre es einfacher, aufzuzählen, welche urban legends und tagesaktuellen wie menschheitshistorischen Probleme Franzobel übersieht. Dazu packt er gar manche Klischees – auch längst überholte, wie die in der Ära Berlusconi ausgestorbenen italienischen Verkehrsanarchisten, die einst einen angriffigen, aber sympathisch unaggressiven Verkehrsstil pflegten.


Was die Männer so treiben, wenn die Frauen im Badezimmer sind
Von Franzobel, 
Zsolnay 2012
512 S., geb., 
e 25,60
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  12:56:13 07.15.2005