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Berliner Zimmer - 18/2012

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Brot und Abschiedsfarbe Braun

Ein Sohn auf der Suche nach der 
Geschichte seines Vaters.

Von Maria Renhardt

Wenn man in seinem Leben etwas nachholen könnte, was wäre das? Um die Frage nach dem Versäumnis, nach dem, was noch aussteht, kreist der neue Roman des Südtiroler Autors Sepp Mall. Denn gerade die Suche nach Klarheit ist es, die er in der Dimension des Schreibens auslotet, wie er einmal in einem Interview bekennt. Einfühlsam verortet Mall seine Figuren in einem vibrierenden Netz von Emotion und komplex gesponnenen Lebensspuren, über das sich am Ende doch noch ein zarter Film von Harmonie legt.
Da ist Johannes, ein Lehrer, wie der Autor selbst, dessen Vater an Krebs stirbt: „Vater war seit zwei Monaten und etlichen Tagen tot, auf seinem glänzend weißen Grabstein balgten sich die ersten Tauben und die Welt hatte sich weitergedreht.“ Die politischen Ereignisse nehmen ihren Lauf, der Alltag senkt sich wieder in das Leben der Angehörigen. Erst langsam wird Johannes im Rückspulen der Erinnerungen bewusst, dass er eigentlich nicht viel von seinem Vater weiß. Mall verknotet hier die persönliche Geschichte seines Protagonisten mit der historischen, dabei gerät die Aufarbeitung des Todes zu einer Reise in Vergangenes.

Flattrige Antworten

Johannes’ Tochter stößt den Reflexionsprozess an, indem sie Fragen nach der Kriegsvergangenheit ihres Großvaters stellt. Doch da ist bloß ein Vakuum, nur ausgeblendete dunkle Fetzen. Welche Rolle hat er in der Wehrmacht gespielt? Das löchrige Bewusstsein der dementen Mutter lässt nur mehr flattrige Antworten zu. Manchmal fällt Kryptisches, das mit Berlin und einer Frau zu tun hat. Johannes macht sich auf die Suche und trifft in Berlin Klara, die sein Vater einst in einem Luftschutzkeller kennengelernt hat.
Die Kraft der Liebe bündelt Mall im Stenogramm einer Beziehung, im Rausch einer Nacht. Und doch hat diese Frau auf den Soldaten von einst gewartet. Mall startet ein kühnes und außergewöhnliches Gedankenexperiment, indem er Inneres und Äußeres miteinander verspinnt und in die Handlung eine imaginäre Dimension integriert. Fast fühlt man sich an Sartres Erzählung „Das Spiel ist aus“ erinnert, obgleich hier alles anders ist. Der Sohn folgt in einer fremden Stadt schreibend den Spuren seines Vaters. Er erweckt ihn in Gedanken zum Leben, lässt ihn teilhaben an seiner Entdeckung der Stadt. Als Ventil für seine Trauerarbeit fungiert dabei das Schreiben eines Tagebuchs. An den Vater gestellte Fragen revidieren den Blick. Denn die so konstruierte Wirklichkeit lässt sich auch wieder zerstören, doch es bleibt „ein Sediment, das einem den Blick auf die Dinge um eine Nuance verändert, um einen Ton anders einfärbt“: Klaras Brot, die Abschiedsfarbe Braun, das Schweigen über den Krieg. Über diese fiktive Ebene reflektiert der Sohn das Eigenleben des Toten, löst ihn aus seiner Rolle heraus, die er zeitlebens gespielt hat. Zu den Versäumnissen gehört auch das des Vaters. Deshalb dreht Mall die Lebensspule noch einmal zurück und lässt die Handlung erneut dem Muster der Krankheitstage folgen. Diesmal ist Klara dabei, die Frau, die „all die wichtigen Männer kommen und gehen“ sehen hat, von denen man in den Geschichtsbüchern liest. Im Warten ist sie alt geworden, ähnlich der Verlobten des Bergmanns in Hebels „Unverhofftem Wiedersehen“.
In poetischer Sprache, die den Lyriker verrät, verdichtet Mall die Annäherung an den Vater zum Vexierbild. Sie gerät zu einem sensiblen Suchprozess, bei dem sich der Sohn auch selbst einen Schritt näher kommt. Mall ist ein feinsinniger und kunstvoll angelegter Roman geglückt, der zeigt, wie komplex das Leben sein kann.


Berliner Zimmer
Roman von Sepp Mall
Haymon 2012
188 S., geb. Ä 19,90
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