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Strichcode - 18/2012

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Sprünge der Erinnerung

In „fünfzehn erzählten 
Begebenheiten“ zeigt 
Krisztina Tóth ihr Talent.

Von Anton Thuswaldner

Plötzlich wurde es der Ungarin Krisztina Tóth zu eng im lyrischen Fach, und sie begann zu erzählen. Mit der Methode, Zusammenhänge zwischen Bereichen herzustellen, die nichts miteinander zu schaffen haben, und dem Prinzip der Assoziation, das der Sinnhaftigkeit und Folgerichtigkeit einer Existenz den Garaus macht, hievt sie lyrisches Denken in die Prosa.
Fünfzehn Geschichten, ein Blickwinkel, eine Weltsicht. Aus der Ich-Perspektive ruft sich die Erzählerin Szenen einer Kindheit oder aus dem jüngeren Erwachsenenleben in Erinnerung. Sie legt ein Motiv aus, das vergleichbare Szenen aus dem Schatzkästlein des Gedächtnisses nachzieht. Das geht so: Eine Szene am Strand erweckt Unbehagen, weil all diese „ungeschlachten, transpirierenden Leiber“ die Nähe des Todes ahnen lassen. Der Tod gibt das Stichwort ab für das Erzähl-Ich, an eine Dokumentation von Holocaust-Überlebenden zu denken. Nichts Beliebiges, Zufälliges haftet diesem Gedächtnissprung an, weil eine der Interviewten von ihrem Badeanzug spricht, der für sie als Synonym für Glück und Freiheit steht. Sofort stellt sich das Bild des ersten Badeanzugs der Erzählerin ein, der noch gar kein richtiger Badeanzug war. „Sondern ein Höschen.“ Mit ein paar Sätzen befindet man sich im Reich der Kindheit, und alsbald widerspricht das Mädchen der melancholischen Erwachsenen, die am Strand an den Tod denkt: „Es muss ein wohliges Gefühl gewesen sein, damals im warmen Sand.“

Wendung ins Rätselhafte


Wenn Tóth Vergangenheit ans Licht der Gegenwart holt, macht sie das im Bewusstsein der Fragwürdigkeit jeder Erinnerungsarbeit. Mit ihrer Methode führt sie vor, wie das Gehirn vorgeht, wenn es seine Sonden ausfährt in die Geschichte eines Individuums. Es herrscht keine Systematik, die objektiven Kriterien standhalten würde. Das Ich gibt die Parolen aus, an denen sich die Erzählung entlang hangelt. Linearität und eine Chronologie der Ereignisse zählen hier nicht, das Fahrtenbuch der Gefühle hält sich nicht an die Logik der Vernunft. Tóth setzt ganz auf die Kraft der knappen Beschreibung, die sich jede Deutung versagt. Unter diesem Zugriff nehmen selbst alltäglich, banale Szenen eine Wendung ins Rätselhafte. Große Literatur!


Strichcode
Fünfzehn erzählte Begebenheiten von Krisztina Tóth. Aus d. Ungar. v. Ernö Zeltner.

Berlin 2012. 205 S., geb., e 20,50
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