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Der Umweg - 23/2012

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Am Nullpunkt

Gerbrand Bakker entwirft das lebensbejahende Porträt einer Frau, die seelisch gesundet.

Von Markus Hildenbrand

Gänse (die auf rätselhafte Art immer weniger werden), Schafe, ein frecher Dachs, das Rauschen des Baches, Erlen, Stechginster, das frisch angelegte Rosenbeet vor dem walisischen Bauernhaus: Das ist der Mittelpunkt des selbst gewählten Refugiums einer offenbar todkranken Frau. Über ihr Leben „zuvor“ erfährt der Leser nur in Andeutungen: Ihre Angehörigen hat sie ohne Nachricht in den Niederlanden zurückgelassen, ebenso alle großen Halbheiten und kleinen Lebenslügen, sogar ihren Namen hat sie abgelegt. Sie nennt sich nun Emily – nach Emily Dickinson, über die sie eigentlich ihre Dissertation hatte schreiben wollen ...
Wer sich angesichts der Thematik nun einen deprimierenden Text erwartet, liegt falsch: Präzise und atmosphärisch dicht entwirft Gerbrand Bakker das lebensbejahende Porträt einer Frau, die angesichts einer existentiellen Extremsituation zu sich selbst findet und seelisch gesundet. Natürlich hat sie auch Angst und die unheimlichen Veränderungen in ihrem Körper, irritierende Gerüche und Wahrnehmungsverschiebungen scheinen eine Entsprechung in der üppig wuchernden, auch bedrohlichen Natur zu finden. Doch Letzterem kann sie etwas entgegensetzen, indem sie etwa den Gänsestall repariert, den Efeu zurückschneidet oder ein Rosenbeet anlegt: „Einfach was Handfestes tun.“

Auf der Suche

In einem parallel geführten, nicht völlig überzeugenden Erzählstrang schickt Bakker Emilys Ehemann – gehandicapt durch einen Gipsfuß, aber unterstützt durch einen unerwarteten Helfer – auf die Suche nach seiner Frau. Nicht nur ihr Verschwinden, sondern auch ein aufgeflogenes Verhältnis mit einem Studenten, das sie ihren Universitätsjob gekostet hat, haben ihn schwer verstört. Doch über ihre wahren Motive tappt er bis zum Schluss im Dunkeln.
Die hügelige walisische Landschaft ist unübersichtlich, kaum begangene Wanderwege führen über Emilys Grundstück, über dessen Grenzen sie sich nicht ganz im Klaren ist. Ihr Haus ist ein Nullpunkt, umgeben von „grenzenloser Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft“. Langsam erweitert sie ihre Kreise, doch Menschen meidet sie, so weit es sich verhindern lässt. Bis der junge Bradwen zufällig des Weges kommt – und bleibt.
Es ist die aufrichtige, anteilnehmende Begegnung zweier Menschen zur rechten Zeit, die ihren Zauber daraus bezieht, dass beide ihr Geheimnis für sich behalten (denn auch Bradwen trägt eines im Gepäck) und dem anderen doch intuitiv das zu geben vermögen, was sie und er im Augenblick brauchen. Doch die Geborgenheit ist trügerisch und für eine bittersüße Liebesgeschichte bleibt, auch wenn es zu einer schüchternen sexuellen Begegnung kommt, keine Zeit.
Ein Roman, der zum genauen Lesen zwingt, dafür aber mit suggestiven Traumbildern entschädigt. Dringend ans Herz gelegt sei auch die begleitende Lektüre von Dickinsons Gedichten!


Der Umweg
Roman von Gerbrand Bakker, Suhrkamp 2012
228 S., geb., Ä 20,60
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