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Von Bestsellern und riesengroßen Brüsten - 06/2013

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Märchen für Konsumkinder

Joe Bergers gesellschaftskritische märchen in einer Neuauflage.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Seit Jahren arbeitet der Ritter Verlag konsequent an der Werkpflege einiger „schwieriger Klassiker“ des literarischen Aufbruchs der 1960/70er- Jahre, wie Gunter Falk oder eben Joe Berger. Nun legt der Verlag mit dem Band „Von Bestsellern und riesengroßen Brüsten“ Bergers gesammelte Neukonfigurationen des Genres Märchen vor, die 1977 als „Märchen für Konsumkinder“ und 1990 als „Märchen für die Satten und Irren“ erschienen und lange schon vergriffen waren. Der Buchtitel spielt jene beiden „Märchen“ ein, die zusätzlich aus dem 1985 publizierten Band „Plädoyer für den Alkohol“ aufgenommen wurden – eine Literaturbetriebssatire und eine tolldreiste Agententhriller-Parodie. Erstmals publiziert werden hier auch zwölf tagespolitische Realsatiren aus der Serie „Märchen von Dr. Maus“ rund um die ÖVP-Politiker Josef Taus und Erhard Busek. Das Vorwort verrät nicht, wie viele „Fortsetzungen“ diese 1975 bis 1979 entstandene Serie umfasst, interessant könnte ihre Publikation im Kontext mit Bergers politischen Artikeln und Aufsätzen sein, im vorliegenden Band wirken sie ein wenig verloren. Die Entscheidung, für die Neuedition auf die jeweils letzten, von Berger autorisierten Fassungen zurückzugreifen, ist editorisch unantastbar, eine „stilistische Fortentwicklung“ ist das allerdings nicht immer, mitunter scheint die frühere Fassung ungestümer und damit oft auch schärfer.

Sprachspielerisch

Ausgangspunkt für Bergers Märchenvarianten ist oft die sprachspielerische Dekomposition von Begriffen oder Redewendungen, die er als Sprungbrett für gesellschaftskritische Rundumschläge nutzt. Das arbeitet einem Abgleiten ins bloß kalauernd Verwitzelte entgegen, selbst dort, wo sich das Spiel scheinbar auf die Sprache beschränkt. Etwa wenn ein bahnbrechender Riese an allen Bahn-Komposita sein Unwesen treibt, bis er an der falschen Orthografie der „Bahnalität“ scheitert. Auch aus den Überschreibungen der grimmschen Märchen entstehen auf diese Art mehr als bloße Aktualisierungen, etwa wenn Barthel auszieht, um endlich das Fürchten zu lernen, damit er Arbeit finde, denn wer will schon einen furchtlosen Angestellten haben. Herr Holler sorgt hier nicht für Schnee, sondern für das reibungslose Zusammenspiel von Baugewerbe und Grundstückspekulation, während Hänsel und Gretel, die adipösen Kinder eines Sägewerksbesitzers, zur Abmagerungskur ins Knusperhäuschen kommen, oder Johanna einfach für ihre kettenrauchenden Schwestern ständig Asche wegputteln muss.

Kurzanalysen

Bergers eigene Märchen-Erfindungen verraten ihr Thema oft schon im Figurennamen. Da gibt es Jonathan Hausse, der das Börsen-Gras wachsen hört, oder den Westernhelden Jack Jacklack, der sich zu Tode langweilt. Viele der Geschichten enthalten historisch wertvolle oder alltagspraktische Informationen. So erfahren wir, wie es den Ottakringern beim Durchzug der Neandertaler wirklich erging, wie einarmige Banditen den Einzug in die Unterwelt schaffen, ein unverbesserlicher Rekordhalter das Tempelhüpfen erfindet oder der erfolgreiche Zeitvertreiber plötzlich ohne Zeit dasteht. Aus der Parabel von der Ameise Urugl entsteht eine Kurzanalyse der Neonaziszene, und nur bei Joe Berger ist nachzulesen, was passiert, wenn populistische Politiker das Blaue vom Himmel versprechen, das daraufhin verschwindet, wie es dem entschlüpften Drachen Cerny, ein neuer Minotaurus aus der Liaison von Physikern und Technikern, ergeht, wie Karli Karlau der Lernprozess gemacht wird oder was die Vernissage so macht, wenn sie vom „Mumpitz“ der Vernissagen genug hat.


Von Bestsellern und riesengroßen Brüsten
Von Joe Berger

Ritter 2013
312 S., kart.,

18,90
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