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Die Abenteuer des Joel Spazierer - 06/2013

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Gestählt, Immunisiert

Die Suche nach dem Guten und dem Bösen durchzieht Michael Köhlmeiers neuesten Roman.

Von Maria Renhardt

„Ein Mörder, ein Lügner, ein Dieb – und der borgt sich Philosophie aus, um Gewissenserforschung zu betreiben?“ Eine zentrale Frage beherrscht den neuen Roman des österreichischen Erfolgsautors Michael Köhlmeier und zieht sich wie ein roter Faden als tückische Gratwanderung durch den Text: die Suche nach dem Guten und dem Bösen, und das aus der Sicht eines Protagonisten, der den Raum brutaler Abgründe zur Genüge ausgelotet hat.

Schelmenroman

Nach einem punktuellen Genrewechsel in die Lyrik hat sich Köhlmeier erneut der epischen Breite verschrieben und das im wahrsten Sinn des Wortes. Denn sein neuer Band „Die Abenteuer des Joel Spazierer“ kommt mit seinen 656 Seiten fast an den 2007 erschienenen Wälzer „Abendland“ heran. Sein jüngstes Werk steht ganz in der Tradition des Schelmenromans, in dem Köhlmeier das Dasein aus der Perspektive eines Außenseiters schildert. Sein Protagonist stammt zwar nicht wie im pikaresken Roman aus der sozialen Unterschicht, sondern ist Spross einer ungarischen Akademikerfamilie zur Zeit des kalten Krieges. Aber dennoch durchläuft der Held alle Höhen und Tiefen des Lebens, weil er sich der Schwerkraft des Verbrechens ergibt.
Köhlmeier startet seinen Roman mit einer furiosen Idee: Joel, der zuerst noch András heißt, muss als Vierjähriger fünf Tage und vier Nächte alleine in einer Wohnung in Budapest verbringen, weil seine Großeltern, bei denen er lebt, in der Ära Stalins eines Tages plötzlich grundlos verhaftet werden. In diesen Tagen des Alleinseins lernt der kleine András „eine Welt ohne Menschen“ kennen und nimmt sie als „glücklich“ wahr, hier wird er „gestählt und immunisiert“. Lediglich das „Menschsein als solches“ ist ihm „fremd geworden“. Das einschneidende Ereignis evoziert eine Assoziation zu Grass’ Blechtrommel, in der ein Dreijähriger mit dem Sturz über die Kellertreppe nach außen hin besiegelt, dass er nicht mehr wachsen will. Doch András Leben verläuft völlig anders. Ihm fehlt die Fähigkeit, zwischen Gut und Böse zu unterscheiden. In der Retrospektive sinniert er – als auktorialer Erzähler seiner Lebensgeschichte hat er die narrativen Fäden fest im Griff – über das Alter seiner Seele, der er nur vier bis höchstens sieben Jahre zugesteht: „Alles, was ich erlebt habe, bekommt Sinn und Form, wenn ich es aus den Augen des Vier-, Fünf-, Sechs-, Siebenjährigen betrachte und von dessen weltanschaulicher Warte aus analysiere.“ Joel hat Charisma, man mag ihn, ja ihm fliegen sogar die Herzen der anderen zu. Und doch fungiert er als Scharnier zum Bösen, das „nichts anderes als die Unterlassung des Guten“ sei.
Seine Familie flieht aus dem kommunistischen Ungarn. Bereits als Neunjähriger laboriert er sich in Österreich als „Strichjunge, Erpresser“, Dieb und Lügner durch das Leben, mit siebzehn begeht er seinen ersten Mord: „Ich bin ein Tier, in Menschenhaut gefangen.“ Joel changiert mit seiner Identität, passt sich an wie ein Chamäleon und vertraut auf die Philosophie Meister Eckharts. Obwohl ihm das Menschsein abgesprochen und auf einer ominösen Russlandreise der kleine Finger abgehackt wird, spülen ihn seine skurrilen Abenteuer immer wieder nach oben.

Komplexes Erzählverfahren

Köhlmeier arbeitet souverän mit einem komplexen Erzählverfahren. Im Spiel mit der Fiktion grundiert er sein Romangemälde mit der politischen Spannung zwischen Ost und West, historischer Hintergrund ist die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Diese Welt wird inmitten kühner Handlungsvolten versus Moral und Ethik zum atmosphärischen Schauplatz. Im Schreibprozess reflektiert sein Protagonist erzähltechnische Parameter. Abschweifung sei erlaubt, heißt es, „ein Buch sei ein mäandernder Fluss und kein Kanal“. Und doch treibt dieser Text gar aus-ufernd und überbordend in dunkle und fremde Winkel dieser Figurenbiografie – im kalten Vexierspiel mit sich überlappenden Verbrechen. Straffung und Komprimierung hätten dem Text gut getan. Dennoch wirft Köhlmeier interessante Fragen des Menschseins auf, die zwischen Manipulation und Lüge neue Facetten erhalten: „Wir entstehen aus dem Staub des Weges, den wir gehen.“



Die Abenteuer des Joel Spazierer
Von Michael 
Köhlmeier

Hanser 2013
652 S., geb., 

25,60
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