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Bonita Avenue - 10/2013

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Das Ende eines Kämpfers

Der Niederländer Peter Buwalda schrieb ein erstaunliches Debüt.

Von Rainer Moritz

Manche trauen sich etwas. Manche schreiben Erstlinge, die sich nicht mit kleinteiliger Nabelschau oder erotischen Bekenntnissen zufriedengeben. Manche gehen aufs Ganze – so wie der 1971 in Brüssel geborene Niederländer Peter Buwalda, der mit seinem 2010 im Original erschienenen Debütroman „Bonita Avenue“ in seiner Heimat einen sensationellen, mit mehreren Preisen gewürdigten Erfolg feierte und enthusiasmierte Kritiker gleich an Philip Roth oder Jonathan Franzen denken ließ.
Und in der Tat: Dieser Roman inszeniert ein Familiendrama, das Desaster und Debakel anei-nanderreiht, wie sie selbst in der katastrophenerprobten modernen Literatur nicht oft in solcher Ballung vorkommen. Von Kindheitsrückblicken abgesehen, erstreckt sich „Bonita Avenue“ von den Siebzigerjahren bis ins Jahr 2009 und erzählt die Geschichte der Familie Sigerius aus Enschede, die am Ende in ihre Einzelteile zerfällt. Siem Sigerius heißt der vitale Clanhäuptling, der, nachdem er anfangs als Judoka auf den Spuren der niederländischen Olympiahelden Geesink und Ruska wandelte, als Mathematiker brilliert, zum Universitätsrektor aufsteigt und es bis zum Wissenschaftsminister bringt. In zweiter Ehe ist er mit der Möbelbauerin Tineke verheiratet, deren beiden Kinder, die Mädchen Joni und Janis, er wie seine eigenen behandelt. Doch die Bilderbuchfamilie existiert nur in der Vergangenheit, damals als sich die frisch Verheirateten nach Kalifornien aufmachten, genauer: nach Oak-land in die Bonita Avenue, wo man die „beste, glücklichste und sorgenfreiste Zeit“ verlebte.

Dramatisch konstruiert

Diese Zeiten liegen lange zurück, und Siems Aufstieg täuscht nicht darüber hinweg, dass er sich auf dünnem Eis bewegt. Einen dunklen Schatten bildet sein aus erster Ehe stammende Sohn Wilbert, der 1993 wegen Totschlags zu acht Jahren Haft verurteilt wird und als Exempel dafür fungiert, wie weit Vaterliebe im Extremfall reicht. Als Wilbert freikommt und versucht, sich der neuen Hochglanzfamilie seines Vaters anzuschließen, trifft Siem ein weiterer Keulenschlag. Als sich der sexuellen Aktivitäten eher abgeneigte Mathematiker auf eine Affäre mit einer jungen Studentin einlässt, sucht er Sexseiten im Internet auf – und begegnet seiner Tochter Joni, die mit ihrem Freund Aaron eine hoch einträgliche Pornowebsite betreibt. Die Bombe platzt, und kein Stein bleibt auf dem anderen. Joni flieht nach Kalifornien, wo sie eine kurze Ehe eingeht, eine „schlechte Mutter“ wird und als Pornoproduzentin arbeitet. Aaron erleidet einen psychotischen Schub, von dem er sich nicht mehr erholt, und das an Brutalität kaum zu überbietende Finale bietet einen Horrorshowdown zwischen Vater Siem und seinem hasserfüllten Sohn Wilbert, der seinem Erzeuger mit einem Würgeholz den Garaus machen will. Danach kehrt unheilvolle, trügerische Ruhe ein, die den übrig Gebliebenen alle Contenance abverlangt, ihr zerstörtes Leben nicht wegzuwerfen.
Obwohl man bereits auf Seite 48 erfährt, dass Siems Leben 2001 enden wird, besitzt der Roman ein großes Spannungspotenzial. Von Kapitel zu Kapitel springt er durch Zeiten und Räume, baut Rückblenden und Reprisen ein, spielt auf Kommendes und Vergangenes an und beleuchtet die Ereignisse aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Eingebettet ist der Untergang des Hauses Sigerius in ein reales Unglück, das die Stadt Enschede im Mai 2000 ereilte: die Explosion einer Feuerwerksfabrik, die viele Menschenleben forderte und ganze Straßenzüge unbewohnbar machte. Dieses „explosive“ Gemisch deutet darauf hin, dass Buwalda hier seine symbolischen Schichten zu dick aufträgt, und tatsächlich liegt in der Überfrachtung generell ein Schwachpunkt dieses so wuchtigen und archaisch wilden Romans. So geschickt Buwalda die Fäden miteinander verwebt, so überbordend ist das Maß an Gewaltexzessen, Verlogenheiten, Täuschungen und Erpressungen, das er seinen Lesern zumutet. Auf Dauer läuft die Anhäufung des Niederträchtigen ins Leere und verpufft. Ein Jonathan Franzen und ein Philip Roth hätten da behutsamer dosiert, doch allein dass man solche Vergleiche heranzieht, zeigt, dass Peter Buwalda einen Roman geschrieben hat, wie man ihn nicht alle Tage findet.


Bonita Avenue
Von Peter Buwalda. Übersetzt von Gregor Seferens.
Rowohlt 2013.
640 S., geb.,
25,70
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