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Der Kalte 10/2013

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Kaltes Blut Behalten

Robert Schindels Familien-Patchwork-Roman schaut in die Zweite Republik.

Von Erich Klein

Edmund Fraul ist um die siebzig und engagiert. Wir schreiben das Jahr 1986, in Österreich steht Waldheim vor der Tür. Der Spanienkämpfer, Ex-Kommunist und Auschwitz--Überlebende erklärt einem Journalisten: „Wenn Sie in diesem Land für die Zukunft von Nutzen sein wollen, dann behalten Sie kaltes Blut.“ Was es damit genau auf sich hat, erfährt man sechshundert Seiten später. Wäre „Der Kalte“ bloß Rekapitulation der Waldheim-Jahre mit ihren Disputen um den Präsidenten, die Inszenierung von Thomas Bernhards „Heldenplatz“ am Burgtheater sowie Hrdlickas „Mahnmal gegen Krieg und Faschismus“ – man könnte das Buch als launig-böse Satire in Sachen österreichische Geschichtspolitik auf sich beruhen lassen. Zum Glück ist alles vorbei.

Fachwerkhaus Österreich

Tatsächlich geht der Lyriker Schindel in seinem Opus magnum aber weitaus ambitiöser und riskanter vor: Anhand dreier Generationen wird das „Fachwerkhaus Österreich“ auseinandergenommen, die Wahrheit der 2. Republik soll auf den Punkt gebracht werden. Hat das „andere“ Österreich wirklich gesiegt, war es tatsächlich auch das „bessere“, oder war alles nur Café-Klatsch in Wiens 1. Bezirk? In die dortigen Kaffeehäuser, vor allem ins „Korb“, zieht es den alten Fraul fast täglich; von seiner Frau Rosa (auch sie jüdisch, aber „unpolitische“ Überlebende des KZ), die in einer Buchhandlung am Graben arbeitet, hat er sich lebenslang entfernt. Sohn Robert ist Schauspieler am Burgtheater, wechselt Frauen wie die Szenen während der Probe; seine Freundin Margit wird sich in die Donau stürzen. Deren Bruder Stefan Keyntz ist noch Gymnasiast, leidenschaftlicher Sartre-Leser sowie Tagebuchschreiber; unentschieden zwischen Dolly, die nach Israel emigriert, und Hellen; außerdem träumt er von einer Karriere als Sänger und vor allem von Sex.
Der historisch unterfütterte Patchwork-Familienroman samt wientypischen unzähligen gemeinsamen Bekannten, Freunden und Querverbindungen wird überdies von einem guten Dutzend Akteuren aus Politik, Journalisten- und Künstlermilieu sowie einigen Ärzten bevölkert. An der Spitze der gerade geschichtsmächtigen Haute-Volée steht Wais, der einstige Pflichterfüller, der von seiner Nazi-Vergangenheit selbstredend keine Ahnung hat. Seine PR-Berater sind dabei wenig unsympathischer als die Intriganten der politischen Gegenseite. Kaum besser kommen die Protagonisten der die Staatsoperette flankierenden künstlerischen Maßnahmen davon. Robert Schindel hat sie nicht nur allesamt erkennbar verschlüsselt – Vranitzky heißt Habitzl, Wiesenthal Dorfmann, Peymann Schönn – bisweilen lässt er auch skurriler Phantasie freien Lauf, wenn etwa Bildhauer Krieglach/Hrdlicka mit Bürgermeister Purr/Zilk in einem Stundenhotel zusammentrifft. Auf rabiate Tobsuchtsanfälle des Krieglach gegenüber den Stadtoberen folgen subtile Diskussionen im „Club Diderot“, ob die Österreichbeschimpfungen in „Heldenplatz“/„Am Balkon“ nicht Ausdruck eines unreflektierten Antisemitismus von dessen Verfasser seien.

Düsterer Sarkasmus

Fällt die Lektüre des ständig zwischen Innen- und Außenperspektive changierenden Romans, der durch ganz Wien bis Hamburg, New York und Jerusalem führt, auch nicht immer leicht – groß wird das Buch ob der zufälligen Begegnung des alten Fraul mit einem früheren SS-Mann aus Ausch-witz vor der eigenen Haustür. Aus deren Wirtshausgesprächen über ihre wahrlich unterschiedlichen „Erlebnisse“ im Konzentrationslager wird eine Art Freundschaft voll düsterem Sarkasmus, wie ihn die österreichische Literatur nach 1945 nicht gesehen hat. Dass das Buch schließlich zu einem Happy End in Anwesenheit aller Beteiligten gerade im Musikverein geführt wird, ist weniger der Ironie des Autors, als dem Pathos, das er sich zutraut, geschuldet: Am Programm steht – wie im Februar 1945 - Brahms’ „Deutsches Requiem“ und: „Denn alles Fleisch es ist wie Gras“.


Der Kalte
Roman von Robert Schindel.
Suhrkamp 2013.
661 S., geb., € 25,70
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  08:08:03 07.16.2005