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Quasikristalle - 10/2013

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Schöne neue Geisteswelt

Eva Menasses Roman „Quasikristalle“ zeigt Splitter einer Selbstüberhebungsgesellschaft.

Von Evelyne Polt-Heinzl

An Kritikerlob fehlte es der in Berlin lebenden Journalistin Eva Menasse schon 2005 bei ihrem Debütroman „Vienna“ nicht, in dem sie aus einem Familienporträt ein schräges Panorama ihrer Heimatstadt Wien entwarf. 2009 folgte der Erzählband „Lässliche Todsünden“ mit erotischen wie emotionalen Verwicklungen in den leicht gehobenen Intellektuellenkreisen, die der Autorin gut vertraut sind. Die Befunde über das Lebensgefühl dieses Biotops waren amüsant, manchmal freilich dachte man lesend, die Probleme möchte man haben.

Situationsskizzen

Auch im neuen Roman „Quasikristalle“ sind vor allem Filmemacherinnen, Universitätsprofessoren, Werbegurus oder Musicalsängerinnen zu Gange. In dreizehn Situationsskizzen aus unterschiedlichen Perspektiven und Motivationen lagern sich kristallartig Puzzlesteine aus der Lebensgeschichte (Ro)Xane Molins ab. Was an Fakten sichtbar wird, ist eine behütete Kindheit in Wien mit jüdischen Wurzeln, eine Karriere als Künstlerin, Filmemacherin und Chefin in einer eigenen alternativen PR-Agentur in Berlin. Schwierigkeiten gibt es mit den beiden Stiefkindern, deren psychisch kranke Mutter verschwunden ist, aber eine argwöhnische Großmutter zurückließ.
Xanes eigenen Reproduktionsproblemen verdanken wir den Bericht einer auf künstliche Befruchtung spezialisierten Ärztin. Später gibt es eine ungelebte Affäre mit einem Diplomaten beim Kriegsverbrechertribunal in Den Haag und vielleicht eine gelebte mit einem jüngeren Komponisten. Im Prinzip aber ist die Ehe bis zum Tod des Gatten durchaus glücklich. Danach kehrt Xane nach Wien zurück und startet offenbar noch einmal durch, auch beziehungsmäßig. Dazwischen lag eine größere Krise, geschäftlich wie psychisch, alles in allem aber ein durchaus erfolgreiches Leben.
Über Xane erfahren wir in den einzelnen Abschnitten mitunter gar nicht sehr viel, dafür einiges über Charakter oder Lebenssituation mancher Randfigur. Was ihr großbourgeoiser Vermieter in Sievering über seine kurzzeitige Mieterin erzählt, liest sich wie ein offizielles Protokoll, auch zur eigenen Verteidigung. Manchmal regiert ein später Rache- oder Neidimpuls die Perspektive wie im vorletzten Kapitel bei den beiden langjährigen Wiener Freundinnen, die ihr plötzlich vorwerfen, immer zu viel Wind um sich gemacht zu haben. Das scheint durchaus zu stimmen, gilt allerdings für einen Großteil der Figuren, auch für die beiden verärgerten Damen selbst. Es ist das Milieu der Geistes-, Kunst- und PR-Arbeiter und -Arbeiterinnen, das geschlechtsunabhängig die Neigung zu permanenter Selbstvermarktung geriert. Auffallend viele der Gewährsfiguren tendieren zur Selbstüberhebung, was finale Urteile über nähere wie flüchtige Bekannte betrifft; das macht sie unsympathisch und nicht unbedingt glaubwürdig. Ganz besonders trifft das auf die Ärztin zu und auf den Historiker Bernays, der Gedenkreisen nach Auschwitz organisiert; an einer davon nahm einst die noch sehr junge Xane teil, ohne seiner Werbung nachzugeben.

Unterschiedliche Leuchtkraft

Dass von Xanes Stieftochter, die gera-
de heftige Pubertätskämpfe austrägt, nichts Wirkliches über ihre Stiefmutter zu erfahren sein kann, ergibt sich aus der Logik der Konstellation, ähnlich wie beim Bericht eines von Xane entlassenen Mitarbeiters. Aus anderen Gründen gilt das auch für die Erinnerungen des hochbetagten Vaters, der nur mehr mit physischer Anstrengung sein gediegenes Großbürger-Gehabe aufrechtzuerhalten vermag. Freilich, und das soll wohl die Botschaft des Buches sein, was kann man schon über das Leben eines Menschen wirklich wissen – es sind allenfalls Bildausschnitte von sehr unterschiedlicher Leuchtkraft.


Quasikristalle
Roman von Eva Menasse
Kiepenheuer & Witsch 2013
432 S., geb., € 20,60

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