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Rein Gold - 10/2013

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Gold, Gier, Schuld

Elfriede Jelineks 
Bühnenessay „Rein Gold“ ist nun auch als Buch erschienen.

Von Maria Renhardt

„Gold. Wer es hat, gibt es nicht zurück. Eigentum ist Diebstahl. Dies die Kurzfassung. Dann wäre Ruhe.“ Mit diesen Worten legt die österreichische Autorin Elfriede Jelinek gleich zu Beginn ihres Bühnenessays ganz lapidar die thematische Richtung fest. Rein Gold – der Titel lehnt sich an den ersten Teil der „Ring“-Tetralogie Richard Wagners an – ist bereits im Vorjahr bei den Münchner Opernfestspielen vorgestellt worden. Nun liegt der Text in Buchform vor.
In ihrem Bühnenessay, einem monumentalen Dialog zwischen Wotan und Brünnhilde, verlinkt Jelinek gemäß Auftrag zeitlose Motive der Wagner-Oper mit der Aktualität. In diesem Kontext macht sie, passend zum Nibelungengold, vor allem ökonomische Prozesse und Machtstrukturen sichtbar, die sie wie einen Film über den Text legt, nicht ohne das Ganze mit politischen Ereignissen und philosophischer Fundierung anzureichern. Obwohl sich Kardinalpunkte des „Rings“ durchgehend als Handlungsinseln und sogar die bekannten Figuren aus der germanischen Mythologie festmachen lassen, verzichtet Jelinek auf einen narrativen Plot im ursprünglichen Sinn. Vielmehr generiert sie aus dem Handlungskern mittels Assoziationstechnik eine dichte Auseinandersetzung mit dem Thema Arbeit und Geld und damit verbunden mit Gier, Neid und Betrug. Über allem schwebt das Schwert der „Schuld“, die immer doppeldeutig gesehen werden muss. So wirft Brünnhilde ihrem Vater an den Kopf, dass er allen etwas schulde, sogar ihm selbst, und dennoch kein Schuldgefühl habe. Ihm fehle einfach das Gefühl für seine Schulden. Auch der Konsumwahn des modernen Menschen, das Markenbewusstsein samt „Helden“ Steve Jobs oder Bezugnahmen auf den Nationalsozialismus finden Eingang in ihren Text. Und überhaupt sind da die Helden, deren erhoffte Erlösung Jelinek – unnötig – mit christlichem Vokabular verbindet.
Das Geld, bei Wagner das Gold, der Schatz, der Hort, wird zur Richtschnur der Figuren: Es „zieht an uns, es zerrt uns über uns hinaus, wir tun Dinge, die wir nie für möglich gehalten hätten, deren wir früher nie fähig waren, denn das Geld ist nicht Mittel, sondern letztlich Endzweck.“ Dabei macht Jelinek angesichts gegenwärtiger globaler Krisen auf die Absurdität finanzieller Transaktionen aufmerksam, wenn Geld verschoben wird, ohne dass bezahlt wird, wenn es auf der Erde zirkuliert, ohne greifbar zu sein: „Das Geld ist da, es lebt, es arbeitet nicht … immer hat es ein andrer, wofür, wozu … Das Geld fällt sie alle.“ Den Haus- und Kreditskandal um den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten Wulff verquickt Jelinek mit der Arbeit der Riesen für Wotan, die ihm eine Burg erbaut haben und nun Ansprüche stellen, jedoch nicht entlohnt werden. Sogar den mittlerweile bereits verfluchten Ring gönnt er ihnen nicht. Immer wieder verknotet Jelinek Motive aus dem Mythos mit der politischen Gegenwart. Mit ihrem feinen Sensorium für die Bedeutungsebenen der Sprache bricht sie Wörter aus alltäglichen Kontexten und dekonstruiert dabei die konventionelle Semantik.

Sprachkritischer Blick

Philosophisches Unterfutter für ihre wortgewaltigen Reflexionen liefert „Das Kapital“ von Marx. Der Faktor Arbeit, Kapital und Ware, Maschinen, Entfremdung und Entlohnung zeigen sich als komplizierter Prozess, in dem es immer um Verlierer und Ausbeuter geht. Wotan erläutert diesen Zusammenhang so: „Ich bezahle unser neues Haus nicht, ich schulde seinen Erbauern den Lohn, aber ich zahle nicht, ich vergrößere die Schuld, die Geld ist. Wenn Schuld Geld ist, … dann ist es egal, ob ich beim Geld Schulden habe oder bei den Riesen, die dafür gearbeitet haben.“ Wie in ihrem Drama „Winterreise“ ist es der sprachkritische Blick, der interessante und lohnende Vernetzungen zutage fördert, hier bleibt sich Jelinek treu. „Rein Gold“ zeigt sich als wuchernder Wortrausch, der einmal mehr die Zeitlosigkeit des Mythos unterstreicht.


Rein Gold
Ein Bühnenessay von Elfriede Jelinek.
Rowohlt 2013 .
208 S., geb.,
20,60
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