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Der gelernte Österreicher - 14/2013

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Von Siegern und Verlierern

Alfred Goubran malt 
das wenig schmeichelhafte Bild des „gelernten“ Österreichers.

Von Anton Thuswaldner

Was eigentlich ist vom Österreicher zu halten? Für Alfred Goubran ist er eine Art Hybridwesen, das nicht recht zu sich selbst kommt, und sich Identitäten erborgt. Es steht nicht zu sich, weil es für ihn ein Ich nicht gibt. Der Österreicher, wie ihn Goubran sieht, schielt auf den Anderen, dem er etwas vormacht, um Identität vorzuschützen. „Das Eigene“ ist ein erborgtes Eigenes, mit dem man etwas darzustellen trachtet, was im Inneren durch nichts beglaubigt ist. Das Ich putzt sich heraus, bildet eine Scheinidentität aus und ist darauf erpicht, nicht aufzufallen, sich dem Normenwahn unterzuordnen. „Der Verzicht auf das Eigene, der die Standardisierung erst möglich macht, wird vom Österreicher weder begrüßt noch bekämpft, ja nicht einmal hingenommen …“

In Oppositionsmodellen

Alfred Goubran macht sich über den Österreicher her, indem er ihn so zurichtet, dass er seine Begrifflichkeit, eigens für diesen Zweck entworfen, auf ihn anwenden kann. Der „gelernte Österreicher“ ist sein erklärtes Objekt des Unbehagens, weil er „den eigenen Kopf gegen die Überzeugung eingetauscht“ hat. Er ist das Windfähnchen der Geschichte, ein Anpassungswüterich, der im Kollektiv aufzugehen sucht, um sich nicht durch Eigensinn und Selbstvernunft in den Verdacht der vorsätzlichen Auffälligkeit zu katapultieren. Die österreichische Literatur bietet reichlich Anschauungsmaterial für diese Interpretation einer Mentalität. Schade, dass sich Goubran darauf nur beiläufig, gleichsam im Vorübergehen, einlässt, denn dann würden seine theoretischen Unternehmungen an Anschaulichkeit und Brisanz gewinnen. Das merkt man so richtig im letzten Teil, wenn ein Stück österreichischer Zeitgeschichte als Fallbeispiel erörtert wird. Der Konflikt zwischen Bruno Kreisky und Simon Wiesenthal hat nämlich das Zeug zu einer österreichischen Tragödie. Zwei Männer, die im Dritten Reich als Juden verfolgt wurden, überlebten durch Glück, der eine im Exil, der andere, nachdem er durch die Hölle der Lager geschickt wurde. Der eine macht Karriere als Politiker und rehabilitiert ehemalige Täter, die der andere vor Gericht zu bringen als seine Lebensaufgabe angenommen hat. Kreisky befand sich im Einklang mit allen gelernten Österreichern, die ihre Ruhe haben wollten und von der Last der Geschichte nicht niedergedrückt werden wollten und mit dem „anderen Österreich“ nichts zu schaffen haben wollte.
Es gehört zum Erklärungsmodell der Goubranschen Art, dass er in Oppositionsmodellen denkt. Der gelernte Österreicher und der andere, das offizielle Österreich und das inoffizielle bieten Gegensatzpaare, die keine Dialektik der Welt je zu einer Synthese zu bringen vermag. Es gibt nur Sieger und Verlierer. Zu den Geschlagenen gehören all jene, die Haltung bewahren, sich von Anfeindungen und Widerständen nicht unterkriegen lassen und an Werten festhalten.

Schlagende Locksätze

„Denn die österreichische Kultur, auf die der gelernte Österreicher so stolz ist und auf die sein Selbstverständnis vor den anderen aufbaut, ist in Wahrheit eine Verdrängungskultur.“ Mit solchen Sätzen fängt uns Goubran, und dann hätten wir doch gerne einen Blick aus dem Feld der Abstraktion mitten ins österreichische Leben geworfen. Überhaupt finden wir schlagende Locksätze, über die sich ausgezeichnet grübeln lässt. „Raunzen und Schimpfen sind das Plaisier der Machtlosen. Sie sind das Belüftungssystem der österreichischen Seele.“ Oder: „Das Freiheitslied des Österreichers ist die Klage.“ An Alfred Goubran haben wir einen intelligenten, schlagkräftigen Kritiker der österreichischen Grundbefindlichkeit, die die Trägheit des Herzens wie die freiwillige Unterwerfung unter vorgefertigte Denk- und Lebenssysteme einschließt.


Der gelernte Österreicher
Idiotikon
Von Alfred Goubran
Braumüller 2013
184 S., kart. E 14,90
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