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Der größte Fall meines Vaters - 18/2013

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Jeder ist zu allem Fähig

Zdenka Becker erzählt in „Der größte Fall meines Vaters“ von einem spektakulären Verbrechen.

Von Christa Gürtler

Jeden Samstag besucht die Tochter ihren fast neunzigjährigen Vater, der im Rollstuhl sitzt, badet ihn und macht einen Nachmittagsspaziergang, zu dem sie ihm seine alte Uniform anzieht. Teodor Murdoch arbeitete als Polizist, zuletzt war er sogar Landespolizeipräsident in Bratislava. Schon als junges Mädchen betreute sie ihren Vater, wärmte ihm nachmittags das Essen auf und kochte später sogar für ihn. Die Mutter, eine attraktive Frau und glühende Kommunistin, verbrachte häufig auch die Abende in der Redaktion einer „Vorzeigezeitschrift für die sozialistische Frau“ und verfolgte ihre Karriere Richtung Chefredaktion. Den Vater beschreibt die Tochter als nicht fleißig, seine Verfolgung von Diebstählen bei der Bahn als langweilig, bis auf den einen echten Kriminalfall, der nicht nur sein Leben, sondern auch das seiner Familie aus dem Gleichgewicht bringt.

Guter Stoff für Roman

„‚Wenn das kein guter Stoff für einen Roman ist‘, beharrt mein Vater auf der Terrasse des Eissalons sitzend. ‚Versprich mir, dass du ihn einmal schreiben wirst.‘“ Anfangs ist die Schriftstellerin von der Idee ihres Vaters nicht begeistert, doch schließlich erzählt sie doch von der zweifachen Mörderin Irma Sládeková und verknüpft die Geschichte von der Aufklärung des Mordfalls mit ihrer Familiengeschichte.
Zdenka Becker greift dabei auf den realen Fall Curbikova zurück, der in der sozialistischen Tschechoslowakei der 1960er-Jahre großes mediales Aufsehen erregte. Curbikova hackte ihrem alkoholkranken und gewalttätigen Mann, mit dem sie drei Kinder hatte und in einem Meierhof eines slowakischen Dorfes lebte, den Kopf ab, zerstückelte die übrigen Körperteile und verbrannte sie in einem Holzofen. Den eingewickelten Kopf versteckte sie in einer Zugtoilette und meldete ihren Mann als vermisst. Im Zuge der Ermittlungen wurde auch der Unfalltod ihres ersten Mannes, mit dem sie vier Kinder hatte, noch einmal untersucht. Die Medien berichteten vom mannstollen Mons-ter, und Eltern drohten ihren Kindern nicht mit dem schwarzen Mann, sondern mit der Hackenmörderin, „dem Schrecken aller Großen und Kleinen“. Als erste Frau nach 1945 wurde sie 1966 wegen eines „kriminellen Verbrechens“ hingerichtet.
Der Fall erregte großes Aufsehen, weil der brutale Mord nicht in das Menschenbild und schon gar nicht in das einer idealen Frau des jungen sozialistischen Staates passte. Doch gerade an der Geschichte der Doppelmörderin werden die Brüche der Gesellschaft und ihre Kälte deutlich. Das Leben hat dieser Frau nichts geschenkt, erzählt der Vater, der ganz im Gegensatz zu seiner Rolle als Vertreter der Ordnungsmacht durchaus Empathie für die Mörderin empfindet. Sie war ein uneheliches Kind, wuchs in Kinderheimen auf und wurde als Zwangsarbeiterin nach Deutschland deportiert, ihre ersten beiden Kinder wurden ihr von den Deutschen weggenommen. Ihren Hunger nach Leben konnte die Frau zeitlebens nicht befriedigen.

Mord oder Liebe

Die Autorin verwebt die Geschichte mit den Erinnerungen der Erzählerin an das dreizehnjährige Mädchen, das neugierig die Ermittlungen verfolgte und damals auch einen „fast perfekten Mord“ der eigenen Mutter am Ehemann für möglich hielt oder dem Vater einen Eifersuchtsmord an der Mutter zutraute. Unsentimental und lakonisch erzählt Becker davon, dass es nur von den Umständen abhängt und jeder „zu allem fähig“ ist, zu einem Mord und zur Liebe. Beckers Roman ist eine brillante Studie einer Mörderin und eine sensible Hommage an einen liebenswerten Vater.


Der größte Fall meines Vaters
Roman von Zdenka Becker
Deuticke 2013 221 S., geb., € 19,50
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