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An ihrer Stelle - 38/2013

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Dieses Arrangement von einer Hochzeit

Rama Burshteins Film „An ihrer Stelle“: Was Sie schon immer über ultraorthodoxes Judentum heute wissen wollten, Ihnen aber nicht in den Sinn kam, danach zu fragen.

Von Otto Friedrich

Es mag ja Zufall sein, dass in großer zeitlicher Nähe zweimal das filmische Eintauchen in eine ungekannte Welt ins Kino kommt. Da war „Das Mädchen Wadjda“ (FURCHE 35, Seite 6), der erste Spielfilm aus Saudi-Arabien, in dem die Filmemacherin Haifaa Al Mansour von den Unbillen und Überlebensstrategien von (jungen) Frauen in ihrem Land erzählt. Und nun läuft, in gewisser Weise ein Pendant aus dem jüdischen Kulturkreis, Rama Bur-shteins „An ihrer Stelle“ an.
In diesem Film geht es um Leben, Leiden und Entscheidendes in der gleichfalls hermetischen Gesellschaft des ultraorthodoxen Judentums: ein Milieu, das von Gesetzestreue und daraus resultierender strenger Reglementierung des Daseins ebenso geprägt ist wie von der aus der Vergangenheit ins heutige Tel Aviv herübergeretteten Tradition.

Eine ultraorthodoxe Stimme

Rama Burshtein, für die „An ihrer Stelle“ das Spielfilmdebüt darstellt, ist selbst eine streng religiöse Jüdin. Sie hat, was für den Film durchaus spricht, zunächst einige Vorentscheidungen getroffen: Der Film spielt in einer chassidischen Gemeinde in Tel Aviv. Burshtein hat als Setting bewusst keine von einer ultraorthodoxen Gemeinde dominierte Ortschaft gewählt, sie wollte – und das zu Recht – nicht die Auseinandersetzung zwischen der Religion und der säkularen Welt in den Vordergrund stellen, sondern sie verpflanzt die Geschichte mitten ins religiös weniger musikalische Tel Aviv, wo aber auch – mitten in der „normalen“ Gesellschaft – ultraorthodoxe Juden leben.
Burshtein verfolgt mit dem Film auch eine politische Agenda – wenn auch auf einer Meta-ebene: „Ich habe mich aus einem tiefen Schmerz heraus auf diese filmische Reise gemacht, da die ultraorthodoxe Gemeinde meiner Meinung nach keine eigene Stimme im kulturellen Dialog hat“, meint sie: „Man könnte auch sagen, wir sind stumm. Zwar ist unsere politische Stimme laut – geradezu heftig laut – aber unsere künstlerische und kulturelle Stimme bleibt leise und schwach.“ Das hier Zitierte kann programmatisch verstanden werden – und es geht in „An ihrer Stelle“ auch auf, weil Burshtein sich aufs Erzählen einer Geschichte beschränkt.
Der Plot problematisiert auch in keiner Weise, was er darstellt. Die Regisseurin öffnet schlicht und einfach ein „Guckloch in eine sehr spezielle und komplexe Welt“. So lässt „An ihrer Stelle“ den Zuschauer teilhaben an der Fremdheit, er löst diese aber nicht auf. Das ist dem Film anzurechnen.
Purim ist das jüdische „Faschingsfest“. Bei der Feier in der Familie kommt ein Bittsteller nach dem anderen, um von den Reicheren Geld für dringend benötigte Angelegenheiten zu erbitten (auch die Finanzierung einer Eheschließung gehört dazu). Die 18-jährige Shira, die auf eine baldige Heirat mit einem von ihrer Familie vorgeschlagenen jungen Mann hofft, gerät in schwere Gewissensnöte: Denn bei dem Fest kommt ihre hochschwangere Schwester plötzlich nieder – und stirbt bei der Geburt ihres Sohnes. Zurück bleiben zwei trauende Familien, sowie der Ehemann Yochay mit dem Baby. Als nun Shira mit dem Ansinnen konfrontiert wird, den jungen Witwer zu heiraten, bricht eine verwirrende Zeit der Entscheidungen über sie herein.
Arrangierte Ehen sind dem 21. Jahrhundert weitgehend fremd. Wie es da dennoch zu Anbahnung und Liebe kommt, und wie man in der großen Gesetzestreue sich kleine Freiheiten erhält und selbstbestimmt leben kann, davon erzählt „An ihrer Stelle“. Wie gesagt, keine Wertung erlaubt sich die beobach-tende Filmemacherin.

Kein Plädoyer für Veränderung

Oder doch: Denn als unsympathisch entpuppt sich das Setting keineswegs. Man weiß auch nicht, wie beschönigend das Dargestellte ist, und dass es hierin sicher auch Tragödien der Unfreiheit gibt. Aber das interessiert Burshtein eben nicht. Sie will – und kann – zeigen, wie die Ultraorthodoxen inmitten der säkular-jüdischen Gesellschaft ticken.
Shira wird in „An ihrer Stelle“ von der israelischen Schauspielerin Hadas Yadron dargestellt, sie erhielt 2012 in Venedig dafür den Preis als Beste Hauptdarstellerin. Beim selben Festival wurde auch Regisseurin Burshtein ausgezeichnet – und zwar mit dem katholischen SIGNIS-Award.
Ein Unterschied zwischen „Das Mädchen Wadjda“ und „An ihrer Stelle“ ist aber klar zu benennen: Der saudische Spielfilm plädiert, auch wenn er das an der Geschichte eines frechen Mädchens aufhängt, für Veränderung einer konservativ-traditionalisti-schen Gesellschaft. Genau das macht „An ihrer Stelle“ nicht. Das kann man dem Film wohl auch vorwerfen. Oder aber nicht: Denn erst einmal geht es doch darum, in eine Welt einzutauchen, von der unsereiner so gar nichts weiß. Die sanfte Beobachtung, der sich Rama Burshtein da hingibt, hat also durchaus ihre Berechtigung.


An ihrer Stelle (Fill the Void – Lemale at ha’halal)
IL 2012. Regie: Rama Burshtein.
Mit Hadas Yaron, Yiftach Klein, Irit Sheleg, Chaim Sharir, Razia Israely.
Polyfilm. 90 Min.
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