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Oktober November - 45/2013

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Das Spiel vom Sterben des sturen Mannes

Für seinen neuen Film „Oktober November“ nahm sich Götz Spielmann fünf Jahre Zeit. Das stille Kammerspiel mit exzeptionellen Darstellern ist ein grandioser Novemberfilm.

Von Otto Friedrich

Salzburgs Festspielgemeinde konnte Peter Simonischek zwischen 2002 und 2009 beim Sterben zuschauen; die Jedermann-Performance des Burgschauspielers bleibt nachhaltig in Erinnerung. Nun darf sich das heimische Kinopublikum darauf einstellen, dem Verbleichen Simonischeks auf der Leinwand beizuwohnen, eine – gefühlte – Stunde lang. Und was dem Ausnahmemimen hier an Todeskampf abverlangt und den Zuschauern zugemutet wird, bleibt ungleich verstörender als es das Volksstück in der Adaption Hugo von Hoffmannsthals je sein könnte:
Denn „Oktober November“ von Götz Spielmann ist zwar ein Spiel vom Sterben des sturen Mannes. Aber dieser Film aus der Werkstatt eines der bekanntesten und reifsten Filmemacher im Land (das ja an bekannten und reifen Filmemachern keineswegs arm ist) darf nicht als vergegenwärtige Moritat oder als moderne Allegorie von Tod und Leben verniedlicht werden. Es geht zwar in „Oktober November“ sehr wohl um Leben und Tod, um Leben trotz Tod sowie um Leben, für das der Tod eine conditio sine qua non darstellt. Aber der Schrecken des Todes und die Qual des Sterbens sind bloß Ausdruck einer Katharsis, die den Scheidenden läutert und den Zurückgebliebenen so etwas wie Zukunft anbietet. Nicht mehr und nicht weniger soll man von „Oktober November“ erwarten.

An der Schwelle vom Herbst in den November

Ein weiteres Motiv kennt man ja auch schon aus Spielmanns Vorgängerfilm „Revanche“, der es bekanntlich bis zur Oscar-Nominierung gebracht hat: die Abgründe, die in einem österreichischen Kolorit so richtig sichtbar werden. In „Revanche“ (2008)war das Setting in einer Art Wienerwald angesiedelt. Dort begegneten ein Polizist, der eine unbeteiligte Räubersbraut getötet hatte, und der dazugehörige Bankräuber trotz der Beziehung zur gleichen Frau einander gerade nicht und drohten, an ihren jeweiligen Leben zu scheitern.
„Oktober November“ hat Götz Spielmann in den Übergang vom Voralpenland zu den Alpen gesetzt, was die Stimmung und den Lebensmut nicht wirklich befördert. Bereits der Titel suggeriert Depression: an der Schwelle vom Herbst in den November ist der Film angesiedelt; und da geht es im Lebens-gefühl der Alpenländer um die Toten und ums Sterben. Genau damit spielt Spielmann.
Konkreter Ort der Handlung ist ein ehemaliger Gasthof, der einst von „Sommerfrischlern“ aufgesucht wurde. Als diese Spezies kurzzeitiger und saisonaler Landbewohner ausstirbt, schwinden auch die wirtschaftlichen Möglichkeiten für solchen gastronomischen Betrieb. Höchstens Wallfahrer auf der Durchreise kommen noch ausnahmsweise hierher und werden verköstigt.
Als die Zeiten noch besser waren, hat der Wirt zwei Töchter großgezogen. Die eine, Sonja, hat Karriere gemacht, sie ist in Berlin ein TV-Star. Doch der Erfolg scheint nur ein äußerlicher zu sein. Denn Sonja fasst in kaum einer Beziehung Fuß, sie irrt weithin als emotionale Nomadin durch ihr Leben und geriert sich als Personifikation der Heimatlosigkeit.
Verena, die ältere Schwester, ist hingegen am Hof geblieben, lebt mit ihrem Mann Michael und dem kleinen Hannes im Elternhaus. Aber auch hier sind die Verhältnisse nur vordergründig heil: Heimliche Sehnsucht sucht Verena in einer Affäre mit dem Arzt Andreas auszuleben, der oft ins Haus kommt, um nach dem Vater zu sehen.
Denn der ist zu einem mürrischen kränkelnden Zeitgenossen geworden: Seine Frau ist bereits gestorben, und die Still-legung des Betriebs überwindet er schwer. Kein Wunder, dass sich das alles aufs Herz schlägt; aber der Dickschädel ist den ärztlichen Ratschlägen von Andreas wenig zugeneigt. Ein Herzinfarkt bringt den Vater in Todes-nähe – er überlebt, bleibt aber ab nun ein kranker Mann.
Eine Lebenswende bahnt sich an. Zumindest für eine kurze Zeit. Als Sonja ihre Berliner Kalamitäten hinter sich lässt und in die traurige Gesellschaft in ihrem Elternhaus zeitweilig „heimkehrt“, beginnen längst vernarbt geglaubte Wunden neu aufzubrechen und gleichzeitig Perspektiven zu wachsen.

Verwandlung im Angesicht des Todes

Es geht hier wortwörtlich um Leben und/oder Tod. Das öffnet Räume der Aufarbeitung – etwa der verkalkten Beziehung zweier 
Schwestern, die ihre Konflikte durch die Entfernung und das je eigene Lebenssetting verdrängt haben. Doch das geht nun nicht mehr. Am Kranken- und Sterbebett des Vaters verbittet sich jede Verlogenheit. Dem entgegen wandelt sich der mürrische Alte zum Gelassenen. Im Angesicht des Todes fällt das Loslassen leichter, und der Blick gerade auf das Scheitern im Leben wird milder. So weit sind die beiden Schwestern nicht, aber die Aura des Kranken lässt auch in ihnen den Keim der Veränderung aufgehen.
Da ist aber noch ein Geheimnis, das zwischen dem Alten und seinen Nachfahrinnen steht. Die beschriebene Katharsis geht mit der Enthüllung desselben einher: Der Zuschauer ahnt, dass dies aus dem Leben gegriffen ist, und dass es dazu des Schmerzes bedarf. Genau diesen erspart „Oktober November“ weder den Darstellern noch dem Publikum. Selten musste man sich im Kinosaal so lange dem Todeskampf eines Menschen aussetzen wie hier.
Das ist alles nur in einer exzeptionellen Darstellung zu ertragen – und zu verstehen: Die Agonie, die Peter Simonischek hier zu zeigen hat, könnte Filmgeschichte schreiben, wie auch die gesamte Besetzung von „Oktober November“ die Dimensionen und Subtilitäten des Kammerspiels ermöglicht: Nora von Waldstätten als Sonja, die bereits in „Revanche“ brillierende Ursula Strauss als Verena, Johannes Zeiler als deren Ehemann Michael sowie Sebastian Koch in der Rolle des Arztes Andreas agieren als geradezu verschworenes Ensemble.

Stille Auseinandersetzung

Bei aller Tristesse ist „Oktober November“ mitnichten ein trister Film. Ganz im Gegenteil: Spielmanns Opus kann sogar als paradoxe Intervention wider die Daseinsverneinung verstanden werden. Wen der Lebensmut verlässt, der kann doch hoffen – an der Schwelle und trotz des Todes. Man könnte „Oktober November“, diese stille Auseinandersetzungen mit den Tiefen der Existenz, gar das Attribut „Trostfilm“ verpassen. Und ohne das alles christlich vereinnahmen zu wollen, ist er ein durch und durch religiö-ses Werk geworden: Denn wenn Religion etwas leistet, dann die glaubwürdige Auseinandersetzung mit den Fragen des Lebens und das Aufbauen von Hoffnung in hoffnungsarmer Zeit. Genau diese Dimension ist „Oktober November“ zu bescheinigen.
Ein Novemberfilm also. Im besten Sinn.


Oktober November
A 2013. Regie: Götz Spielmann.
Mit Peter Simonischek, Nora von Waldstätten,
Ursula Strauss, Johannes Zeiler, Sebastian Koch.
Filmladen. 114 Min.
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