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Das Ungeheuer - 36/2013

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Die Asche seiner Frau

Terézia Moras neuer Roman führt durch Osteuropa und in beissend scharfe Protokolle.

Von Rainer Moritz


Darius Kopp, Hauptfigur in Terézia Moras viel gerühmtem Roman „Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009), meldet sich zurück. Mit dem unter Asthma und Übergewicht leidenden Mittvierziger Kopp hatte Mora damals eine hoch originelle Figur geschaffen, die binnen kürzester Zeit alle privaten und beruflichen Sicherheiten verlor: In einer September-Woche des Jahres 2008 verließ ihn seine wie die Autorin aus Ungarn stammende Gefährtin Flora, und sein lukrativer, wenngleich rätselhafter Job bei der US-Firma Fidelis Wireless schien sich in Luft aufzulösen. Genau dort knüpft Terézia Moras neuer Roman „Das Ungeheuer“ an.

Dauergast Urne

Kopps Leben ist inzwischen gänzlich aus den Fugen geraten: Flora hat sich im Wald erhängt; der verzweifelte Darius ist arbeits- und mittellos, verschanzt sich monatelang zwischen Kaffeepulverdosen und Pizzaschachteln in seiner Wohnung und erwacht erst zu neuem Leben, als er sich aufmacht, Floras Wunsch zu erfüllen und ihre Asche zu verstreuen. Von diesem Vorhaben beseelt, reist Darius quer durch Osteuropa: Ungarn, Albanien, Georgien, die Türkei und Griechenland, wo er einen früheren Geschäftspartner trifft, sind Stationen eines abenteuerlichen Trips, der ihn mit sehr unterschiedlichen Menschen zusammenkommen lässt. Die Urne bleibt – ein Motiv, das an Graham Swifts 1996 mit dem Booker-Prize ausgezeichneten Roman „Letzte Runde“ erinnert – Dauergast in Darius’ Handgepäck und erregt bisweilen die Aufmerksamkeit korrupter Zollbeamten.
Mit Diplom-Ingenieur Darius Kopp hat Mora eine anregend ambivalente Figur geschaffen, die mal Mitleid, mal Kopfschütteln erregt und prädestiniert dafür ist, sich in aberwitzige Situationen zu verstricken. Seine Reise, die von zahlreichen quälenden Erinnerungen an die Zeit mit Flora durchsetzt ist, führt ihn auf Friedhöfe, in Floras alte Schule und in eine dubiose Sexsauna. Anders als im vorangegangenen Roman belässt es Mora jedoch nicht dabei, die Geschichte ihres in die Krise geratenen Helden vergleichsweise linear auszubreiten. „Das Ungeheuer“ ist ambitionierter und verlangt von seinen Lesern einen Kraftakt: Rund zwei Drittel der knapp 700 Seiten sind zweigeteilt und geben in der unteren Hälfte Dateien wieder, die Darius auf Floras Laptop gefunden hat: Diese versammeln, kunterbunt gemischt, unterschiedlichste Texte Floras: Gedichte, Kindheitsszenen, Erinnerungen an erniedrigende männliche Übergriffe, Übersetzungsproben aus Floras Werkstatt (etwa des ungarischen Autors Lajos Kassák), Befindlichkeitsprotokolle, ärztliche Ratschläge, wissenschaftliche Auseinandersetzungen mit jener Krankheit, an der Flora wohl zugrunde ging: der Depression, und Einschübe von Lebensweisheiten, für die die Leidende nur Hohn und Spott übrig hat: „‚Heitere Resignation – es gibt nichts Schöneres‘ (Marie von Ebner-Eschenbach ist eine selten dumme Plantschkuh.)“
Floras Notizen aus ihrer seelischen Dunkelkammer sind bei aller Sprunghaftigkeit von hoher, manchmal kaum erträglicher Intensität und führen schonungslos die Zerstörung vor, die das „Ungeheuer“ Depression anrichtet.

Formales Experiment

Die weitgehende unverbundene Gegenüberstellung dessen, was dem zuerst von der wirtschaftlichen „Depression“ gebeutelten Kopp auf seiner Osteuropa-Irrfahrt widerfährt, und den beißend scharfen Protokollen seiner toten Frau, macht aus Terézia Moras Roman eine überzeugende, wenn auch sperrige Lektüre. Man kämpft als Leser damit, die Textteile aufeinander zu beziehen, stellt Querverbindungen her, blättert zurück, verknüpft Motive und Handlungsstränge und sieht letztlich, wie wenig die Eheleute Darius und Flora offenkundig voneinander wussten. Das Risiko, das Terézia Mora mit dem formalen Experiment ihres „geteilten“ Romans eingeht, zahlt sich aus.


Das Ungeheuer
Roman von Terézia Mora

Luchterhand Literaturverlag 2013, 685 S., geb., € 23,70
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