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Blindlings - 41/2007

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Das Meer selbst ist das Schreiben
Claudio Magris hat an seinem Roman „blindlings“ 18 Jahre geschrieben. Das Ergebnis ist großartig, meint Anna Rottensteiner.

La storia non è finita.“ So lautet der Titel der 2007 erschienenen Sammlung von Artikeln, die Claudio Magris für die italienische Tageszeitung „Corriere della sera“ verfasste. „Die Geschichte ist nicht zu Ende“: Kein historischer Zustand ist der letztendliche, auch wenn er von den Subjekten in ihrer jeweiligen Gegenwart so empfunden wird. Und, so könnte man hinzufügen: Geschichte hat als großes Kontinuum auch keinen Anfang.
Die Verflechtung von Geschichte und Individuum war schon immer ein zentrales Thema im Schaffen des italienischen Schriftstellers, Essayisten, Wissenschaftlers und politisch engagierten Menschen Claudio Magris. In seinem Roman „Alla cieca“, der nun in der hervorragenden deutschen Übersetzung von Ragni Maria Gschwend mit dem Titel „Blindlings“ vorliegt, wagt Magris ein erzählerisch mutiges Unterfangen.

Historisch und fiktiv
Jorgen Jorgenson, eine historisch verbürgte Gestalt, dänischer Abenteurer, Weltenfahrer im Zeitalter des Kolonialismus, für einige Wochen selbst ernannter Protektor Islands, wurde von den Engländern nach Tasmanien strafversetzt, wo er selbst einst Hobart Town gegründet hatte.
Das Leben der fiktiven Gestalt des Salvatore Cippico setzt sich wohl aus vielen einzelnen Leben zusammen. Im unverbrüchlichen Glauben an die Ideen des Kommunismus widmet er sein Leben der Partei, kämpft für seine Überzeugungen an den verschiedensten Fronten.
Er überlebt Dachau und wird infolge des Zerwürfnisses zwischen Stalin und Tito auf der Strafinsel Goli Otok interniert, nachdem er von der Partei nach Jugoslawien geschickt wurde, um den Aufbau des jungen Staates mitzugestalten. Er kehrt nach Italien zurück, die Geschichte wird unter Verschluss gehalten, die Beteiligten werden als Ausgestoßene gemieden. Salvatore wird von der Partei nach Australien verschickt.
Dies ist der innerste historische Kern, der Antrieb der Geschichte, die Claudio Magris bereits seit 18 Jahren erzählen will: jene der 2000 italienischen Kommunisten aus Monfalcone, deren Schicksal nun in der Erzählung über Salvatore eingeschmolzen ist.

Komplex konstruiert
Im Erzählstrom von „Blindlings“ verweben sich diese beiden Lebensläufe zu einem einzigen Ich, zu einem komplex konstruierten Monolog, der, furios, am Rande des Wahnsinns, klar, luzide, erinnernd zu einem atemlosen, düsteren Crescendo anschwillt. Dabei wird auch über die Möglichkeiten reflektiert, ein Leben in den Verstrickungen mit der „großen“ Geschichte zu erzählen. Salvatores Rede ist geprägt von den Gesprächstechniken des Verhörs, des psychiatrischen Gesprächs, des Geständnisses – nahe liegend bei seiner Biografie, „viele in einem Sack eingeschlossene Jahre, schwer wie Blei“: „alle wollen alles wissen, alles aus dem Kopf eines armen Teufels herausholen, was ihm gehört: Gedanken, Bilder, Erinnerungen, Ereignisse.“
Bei Jorgenson ist es die fiktive Auseinandersetzung mit den realen Biografen. Selbst wortgewaltiger Verfasser von Reiseberichten, theologischen Abhandlungen (die Magris wohl in „Blindlings“ eingearbeitet hat), schreibt er – historisch verbürgt oder nicht – Grabinschriften für verstorbenen Sträflinge auf der Toteninsel: „keiner soll verschwinden, als habe er nie existiert.“
Was den Sog des Monologs ausmacht, ist einmal die Tatsache, dass in ihm alles zum gleichwertigen Element der Rede erhoben wird: „Lächeln, Meere, Städte, tobende Stürme.“

Dunkle Ereignisse
Die zeitliche und lineare Ordnung ist aufgehoben, Vergangenheit und Gegenwart der Jahrhunderte sind in der Synchronie des poetischen Sprechens präsent. Gleich den wellenartigen Bewegungen des Ozeans brechen sich die verschiedenen Ebenen an den Ufern der Sprache, von einem Wort zum andern, von einem Gedanken zum andern, von einem Jahrhundert zum andern. Schaut man eben noch mit dem jungen Jorgen Jorgenson in der Uhrmacherwerkstatt seines Vaters in das tiefe Blau eines Saphirs, so führt das Aufflammen von Glück an den Strand von Miholaš´cica mit Salvatore und seinen Eltern. Weitaus öfters bestimmen die dunklen, düsteren, gewaltsamen Ereignisse den Erzählstrom: vom immer währenden Tag in Islands Sommern zur „Polarnacht der Welt“ in Dachau.
Zum anderen ist es der Mythos der Argonauten, der als das, was nie geschehen ist, aber dennoch ständig geschieht, den roten Faden durch die Wirrnis der Geschichte bildet. Das Goldene Vlies – es hat im Lauf der Geschichte viele Gesichter angenommen. Auch der Weg dorthin birgt seit jeher dieselbe, „einfache“ Wahrheit in sich: jene von Enttäuschung, Verfolgung, Verrat und vom Schuldigwerden am Anderen. Und auch von der trotz allem beibehaltenen Würde, die nicht verleugnet.
Schließlich das Meer in allen erdenklichen Facetten, stürmisch, grausam, spröde, friedvoll, umfangend, abweisend. Momente höchsten Glücks beinhaltend, aber auch grausamster Folter. Aber mehr noch: Das Meer ist in den Text eingeschrieben, in dessen schaukelnder, manchmal schlingernder, nie aber strauchelnder Bewegung. Zutiefst in Magris’ bisherigem Werk verankert, stellt „Blindlings“ in seiner epischen Fülle das poetologische Konzentrat des Werkes von Claudio Magris dar: Das Meer selbst ist das Schreiben.

Wütende Geschichte?
Ist es die Geschichte also, die blind wütet? Laufen die Individuen blind in die von ihr gestellten Fallen? Ist die Blindheit auf dem einen Auge, die Admiral Nelson das Fernrohr an das verbundene Auge ansetzen und aus dieser gewollten Blindheit heraus zum Angriff befehlen lässt, ihre dunkle Antriebskraft? Fast könnte man das meinen angesichts der historischen Unbillen, die die beiden Protagonisten ereilen.
Doch zielt „Blindlings“ wohl auch auf etwas anderes ab: auf die Galionsfigur, weiten Blicks und starrenden Auges auf das Kommende gerichtet, der man sich, unterwegs, blindlings anvertraut. Schild gegen die Gefahren des Ozeans. „Schutzschild gegen das Leben“ sind die Frauenfiguren, die, ins Dunkel entglitten, im Leben der Protagonisten aufblitzen wie helle Sterne. Wehmut und Trauer durchwehen das Erzählen über sie. Führen uns auch die Lebensläufe von Jorgen und Salvatore oft ins Herz der Finsternis der Geschichte, so sind Maria, Marie, Mariza, gleichzeitig fern am Horizont und ganz nahe herangeholt in der Erinnerung, eine starke Gegenkraft. Mnemosyne und Aletheia sind weiblich.


Blindlings
Roman von Claudio Magris
Dtsch. v. Ragni M. Gschwend
Carl Hanser Verlag, München 2007
413 Seiten, geb., € 25,60
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