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Regeln des Tanzes - 40/2013

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Brüchiges Lebensgefühl

Thomas Stangl erzählt in seinem Roman Formen des Aufbruchs in einer fragilen Wirklichkeit.

Von Maria Renhardt

„Ich tanze nicht an einem Ort, ich tanze den Ort.“ Dieses Zitat von Min Tanaka, in dem bereits das Motiv der Entgrenzung anklingt, stellt der Wiener Autor Thomas Stangl seinem neuen Roman „Regeln des Tanzes“ voran. Der Impetus zum Aufbruch, der dieses Buch grundiert, ist gepaart mit dem Drang nach Freiheit und Selbstbestimmung. Wer Thomas Stangl kennt, weiß, dass seine Bücher keine leichte, konventionelle Kost bieten. Das gilt auch für sein neues. Glücklicherweise ist er dennoch oder vielleicht gerade deshalb im Feuilleton präsent. Denn seine hochkonzentrierte, dichte Prosa verdient es fürwahr, gelesen zu werden.
Stangl siedelt seinen Roman, der auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis war, in der historischen Realität des Jahres 2000 an, das als Initiationsjahr der sogenannten Wenderegierung in die österreichische Geschichte eingegangen ist. Das Geschehen diffundiert aber noch in die nahe Zukunft hinein. Die politischen Ereignisse von damals werden mit der fiktiven Welt der Protagonisten verwoben.

Drei Figuren

Drei Figuren bestimmen den Gang der Dinge, involvieren sich in das Fluidum der Ereignisse. Andrea und Mona, zwei Schwes-tern, haben auf tragische Weise ihren Vater verloren. Mit seinem Tod gehen beide auf unterschiedliche Weise um. Mona, die Jüngere, taucht immer wieder unter und ein in die Bodenlosigkeit, irrt ohne Geld ziel- und quasi obdachlos durch die Stadt. Sie lässt tagelang nichts von sich hören, bis sie eines Tages überhaupt nicht mehr zurückkommt, am „Tag der Spiegelbilder“, als sie durch die Stadt tanzend auf selbst gewählte grausame Weise „in der Welt verschwindet“.
Ihre ältere Schwester nimmt zur gleichen Zeit an den Demonstrationen teil, die den politischen Alltag von damals bestimmen. Das Bewusstsein, Widerstand zeigen zu müssen, Wut und Enttäuschung treiben sie quer durch die Stadt, lassen sie Teil einer Bewegung werden, die „in größere und kleinere Ströme“ zerläuft. Andrea geht im Wunsch nach „vollkommener Freiheit“ in der Menge auf und hat das Gefühl, dass ein Umsturz möglich ist. Bislang nie entwickelte Fotos dieser beiden Frauen führen den Kunsthistoriker Walter Steiner, der bei seinen ziellosen Streifzügen durch Wien zufällig auf eben diese alten Filmdosen stößt, zu Andrea, und lassen ihn schließlich sogar zum Protagonisten einer ihrer Tanzperformances werden.
Stangl durchwebt seinen Roman mit diesen drei Perspektiven und schwenkt seinen Blick zwischen den einzelnen Figuren und ihrem hybriden Ich kunstvoll hin und her. Dabei lotet er ihre unterschiedlichen Erfahrungsräume und Bewusstseinszonen aus. Als Leitmotiv kristallisiert sich das Unterwegs-Sein in einer fragil gewordenen Wirklichkeit heraus. Alle drei Figuren sind ständig im Aufbruch und nehmen auf individuelle Weise den urbanen Raum in Besitz. Mona tastet sich an die Ränder und Zwischenräume der Existenz, bewegt sich in nicht autorisierten Räumen, um gegen die Leere und den Schmerz anzukämpfen. Andrea verliert sich im Gehen in der Gruppe und Walter, dessen ihm abhanden gekommenes Leben sich in den letzten Jahren „blitzschnell verkapselt“ hat, folgt über zehn Jahre später den Spuren der beiden Frauen, während er seine eigene Vergangenheit abstreifen will.

Abgeschnittene Wege

Die Transformationen des Aufbruchs zeigt Thomas Stangl als Ausbrüche der Figuren aus der Konventionalität und Leere des Daseins. Durchwegs offenbart sich ein brüchiges Lebensgefühl mit immer wieder „abgeschnittenen Wegen“. Der Tanz fungiert dabei als Motor für die Bewusstseinserweiterung. Stangls feinsinnige, philosophisch unterfütterte Prosa präsentiert sich mit unverbrauchten poetischen Bildern. Und schließlich weiß man: „Dieses Gewebe, das man Zeit nennt, kann sich einfach auflösen, du musst nur den richtigen Blick dafür finden.“


Regeln des Tanzes
Roman von Thomas Stangl

Droschl 2013
278 S., geb., € 22,00
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