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études - 45/2013

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1 Schauer v. Frühling

In ihren „Études“ bricht Friederike Mayröcker mit Form und Tradition


Von Maria Renhardt


Es gibt kaum eine Dichterin, deren Schreiben so sehr ins eigene Leben diffundiert wie das der Wiener Autorin Friederike Mayröcker. Sie macht auch kein Geheimnis daraus, dass es ihr bereits zur Obsession geworden ist („selig Kind zu schreiben“). Tägliche Notizen frühmorgens, eine Flut von Zetteln, dieses ständige Sich-Einlassen auf den scheinbar nie versiegenden Schreibfluss und die vielfältigen Exzerpte aus Gelesenem, die assoziativ weitergedacht und verarbeitet werden. Alles rund um sie herum ist potentielle Basis für ihre Poesie: der Wahrnehmungsraum Fens-ter, Spaziergänge, Erinnerungen, vor allem an ihre Eltern und den Kindheitssehnsuchtsort Deinzendorf („ich erinnere mich, einsame Melodien und Ästchen“), wo sie einst glückliche Sommer verbracht hat, und Traumfragmente – dieses unerschöpfliche Reservoir des Unbewussten als schöpferischer Knotenpunkt für Neues – „1 Kaleidoskop diese Welt“! Ja, „Poesie ist 1 blut’ger Ast, allen dargeboten“.

Poetisches Fühlen

Dass die Büchner-Preisträgerin mittlerweile ihren ganz individuellen Stil entwickelt hat, ist hinlänglich bekannt. Konventionell sind ihre Texte noch nie gewesen. Im Gegenteil. Mit jedem Buch wird Mayröcker radikaler, indem sie sich an eine völlige Auflösung und Zertrümmerung herkömmlicher Formen wagt. Auch ihr neuer Band „études“ experimentiert mit der Spielart einer surrealistischen écriture automatique. Das dem Buch vorangestellte Motto, ein Diktum von Jean Paul, unterstreicht die Intention: „ich hasse doch, sogar im Roman, alles Erzählen so sehr“. Wie früher schon bricht Mayröcker völlig mit der Kohärenz, auch Satzstrukturen löst sie auf: „Proem vom selbigen Tag, manchmal die Schneeberge : 1 Erscheinung und mehr ... ich meine nuage, und cahier, ich meine fleur und Feuer und Funse = mein Angesicht ...“ Obgleich man bei Mayröcker vergeblich eine Story suchen wird, zeigen sich ihre Texte dennoch als Folie eines wachen Lebens, poetischen Fühlens und Atmens.
Ihre vom 11.11.11 bis zum 16.12.12 datierten études, die eine Zwitterstellung zwischen Lyrik und Prosa einnehmen, sind tagebuchartig angeordnet. In diesem metaphorisch wuchernden, funkelnden Gewirk finden sich Wirklichkeitspartikel unterschiedlichster Art. Alles ist durchströmt von einem berauschten Blick auf die Natur im Hologramm der Jahreszeiten. Zwischen „zerrissenen Tränen“ und allerlei kleinem Getier schwelgt Mayröcker in einem Meer von Blumen. Flieder, Narzissen, Pfingstrosen, Veilchen, Rosen und dann wieder „1 Schauer v. Frühling“. Naturbeobachtungen sinken als „Fetzchen“ aus der Realität in eine poetische Welt, die durchsetzt ist von französischen Wörtern oder sogar Minizeichnungen. Regellosigkeit wird generell zum Prinzip. Dennoch lädt sie ihre anregenden und innovativ verlinkten Texte auf mit stilistischer Raffinesse. So ist diese Prosalyrik durchwirkt von Alliterationen, Synästhesien oder sprachlichen Bildern.

Literarische Spuren

Wie immer legt Mayröcker mit zitierten Namen Spuren. Diesmal fällt neben Jean Genett oder Roland Barthes besonders Francis Ponge auf als einer, dem sie Impulse verdankt: „Durch die Gitterstäbe des fremden Gartens sog ich den Duft einer Blume erinnerte ich die Schriften von Ponge erkannte ich die Landschaft der Wälder.“
Trotz der Daseinszugewandtheit, die diesen Band durchpulst, gibt es auch den Blick auf den Tod, jedoch mit einem klaren, selbstbewussten Bekenntnis zum Leben: „Es hüpft mein Herz so liebe ich dieses Leben aber einmal wird es wie 1 Seifenblase, zerplatzen welch 1 Unfug dasz wir davon müssen, halt’ mich fest, Stiefmütterchen’s Almosen ...“



études
Von Friederike Mayröcker
Suhrkamp 2013
196 S., geb.,
€ 20,60
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