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Inventurdifferenz und Shooting Stars - 45/2013

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Mörderbeichten

Selbstjustiz und Medien-kritik: Zwei Romane sorgen für viel Gewalt.

Von Veronika Schuchter

Ausgerechnet einen Mörder als Ich-Erzähler zu installieren, kann entweder ein gefinkelter Trick sein, um die Leser auf die falsche Fährte zu führen, wie es Edgar Allen Poe in seiner Kurzgeschichte „Das verräterische Herz“ vorzeigt oder Agatha Christie in „Alibi“, dem Roman, der ihre Weltkarriere begründete. Oder der Text wird zum Psychogramm der geistigen Zerrüttung der Erzähler-Figur, die oftmals gerade in ihrer Klarheit und Banalität schockiert, wie etwa in Thomas Glavinics „Der Kameramörder“.
Dass es sich bei den Romanen von Britta Mühlbauer und Martin Mandler um solche Mörderbeichten handelt, darf man getrost verraten, sind beide doch letzterem zuzurechnen.

Rache an Mädchenhändlern

In Mühlbauers „Inventurdifferenz“ rächt eine junge Frau die brutale Folter ihrer besten Freundin durch einen Mädchenhändlerring. Wer als Heldin die Mitarbeiterin einer privaten Sicherheitsfirma auswählt und diese in einen Sumpf von Gewalt, Folter, Vergewaltigung und Selbstjustiz schickt, muss sich unweigerlich an Marlene Streeruwitz’ Roman „Die Schmerzmacherin“ messen lassen, noch dazu, wenn man dessen feministischem Grundgedanken nichts entgegensetzen möchte, sondern wohlgemut in dieselbe Kerbe schlägt. Die Fußstapfen erweisen sich allerdings als zu groß. „Never imitate the boys“ – Das dem Roman vorangestellte Zitat von Christine Lagarde trifft auf Streeruwitz nonkonformistische Ästhetik zu, nicht aber auf Mühlbauers sprachlich farblose Prosa. Der Grundgedanke, die Heldin als geistige Schwester von Warhol-Attentäterin Valerie Solanas zu zeichnen, ist spannend, wird aber holzschnittartig umgesetzt. Die Figuren bleiben leblos – zu stark merkt man ihnen ihren Zweck an. Da hilft es auch nicht, dass Mühlbauer die strukturelle Benachteiligung von Frauen durch eine ehemalige Uni-Professorin dozieren lässt. Dieser Handgriff ist wenig subtil und auch sonst wird alles an der Oberfläche verhandelt, anstatt ästhetische Wucht zu entwickeln.
Setzt sich die beichtende Mörderin in „Inventurdifferenz“ gegen männliche Gewalt zur Wehr, so steht der Ich-Erzähler in Martin Mandlers „Shooting Stars“ im Dienste einer mörderischen Medienkritik. Ein ehemaliger deutscher Scharfschütze, in Afghanistan zum stummen Morden verdammt, startet einen Feldzug gegen den Boulevard. Aus dem Hinterhalt erschießt er Prominente und stilisiert sich in seinem Bericht als Kämpfer gegen die übermächtigen Bilder einer oberflächlichen Medienwelt.
Die Gewaltspirale, die schnell an Brutalität gewinnt und immer größere Kreise zieht, bis sie schließlich zur Revolution wird, spiegelt sich in der seltsam inhaltsleeren und redundanten Erzählhandlung, hinter der die lädierte Psyche des Protagonisten sichtbar wird.

Mord und Wahnsinn

Irgendwann regt sich Zweifel ob der Glaubwürdigkeit des Erzählers, vielleicht handelt es sich nur um die Wahnvorstellung eines überforderten Soldaten, der dem Kontrast zwischen der Normalität des Tötens im Kriegs-alltag und der reizüberfluteten heimischen Medien- und Konsumgesellschaft nur Mord und/oder Wahnsinn entgegenzusetzen hat. Leider lassen sich dafür außer der Absurdität der Vorfälle keine Markierungen im Text finden und so fühlt man sich selbst erschlagen von den evozierten Bildern, die ihre Wucht vor allem durch die Beschreibung des Tötens von realen Personen, wenig subtil Dieter, Heidi, Brad und Angelina genannt, beziehen. Vielleicht liegt dieser Mangel an Subtilität auch im Genre der Mörderbeichte begraben, ein wenig mehr Feingefühl hätte jedoch beiden Texten nicht geschadet.




Inventurdifferenz
Roman von Britta Mühlbauer
Deuticke 2013
384 S., geb., € 20,50

Shooting Stars
Roman von Martin Mandler
Luftschacht 2013
208 S., geb., € 21,30
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