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Der Sommer hat lange auf sich warten lassen - 45/2

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Sehnsucht nach der versäumten Zeit

Melitta Brezniks neuer Roman beleuchtet Die Entfernung einer Mutter von ihrer Tochter und die Annäherung.


Von Christa Gürtler

Margarethe, eine Frau Anfang 90, möchte noch einmal in ihrem Leben an den Ort ihrer Kindheit fah-ren und sich dort mit ihrer Tochter Lena treffen, die mit ihrem Mann in London lebt. Sie selbst wohnt in einer „Zelle“ eines Altersheims in Basel und kann sich nur mehr im Rollstuhl fortbewegen, reist aber dennoch allein mit der Bahn nach Bergen-Enk-heim. Sie ist geistig rüstig, besitzt Mobiltelefon und Laptop. Nach dem Tod ihres Mannes Max, mit dem sie in Wien lebte, hat sie mit Alexander, ihrem zweiten Mann, noch einmal ein neues Leben in der Schweiz begonnen. Doch auch er ist mittlerweile verstorben.

Geschichte der Annäherung

Melitta Breznik erzählt in ihrem Roman „Der Sommer hat lange auf sich warten lassen“ auf berührende und präzise Weise von der langsamen Annäherung von Mutter und Tochter aus großer räumlicher und emotionaler Entfernung. In abwechselnden Kapiteln kommen jeweils aus der Ich-Perspektive Margarethe und Lena zu Wort. Margarethe lässt an verschiedenen Stationen ihrer mehrstündigen Reise ihr Leben Revue passieren. Lena erinnert sich bei ihren Reisevorbereitungen in London an ihre Kindheit und bereitet sich auf die Begegnung mit der Mutter vor.
Eingeschoben in diese beiden Erzählstränge sind Kapitel, in denen die Lebensgeschichte von Max aufgeblättert wird, der als Kind 1934 in die Sowjetunion verschickt wurde, im Krieg zunächst nach Griechenland musste und schließlich nach seiner Desertation in einem britischen Gefangenenlager interniert wurde. Nach einem Autounfall 1965 verlor er zwei Beine und wurde fortan von traumatischen Kriegserinnerungen heimgesucht, bis er sein Leben durch einen Sprung aus dem Fenster der psychiatrischen Klinik beendete.
Margarethe erinnert sich an ihre Kindheit, ihr Aufwachsen als Vollwaise – mit zwölf Jahren kommt sie zu Verwandten nach Wien –, ihre Ausbildung als Krankenschwester, ihre Ehe mit Max, der als anderer Mensch aus dem Krieg zurückkommt. Die Tochter macht für den Selbstmord des Vaters auch die Mutter verantwortlich, verlässt so bald wie möglich die mütterliche Obhut und Wien. In den folgenden Jahren ist die Beziehung zwischen Mutter und Tochter schwierig, doch Margarethe bekennt auf der Reise: „Mich plagt die Sehnsucht nach all der versäumten Zeit gemeinsam mit meinem Kind.“
Auch Lena wünscht sich nach all den Jahren der Entfremdung eine Versöhnung mit der Mutter, sucht sie zu verstehen, denn die Geschichte ihrer Familie kommt ihr vor wie eine „Chronik eines schleichenden Verlusts“.

Perspektiven der Figuren

Melitta Breznik, Schriftstellerin und Fachärztin für Psychiatrie, nimmt sich als Erzählerin zurück, stellt die Perspektiven ihrer Figuren nebeneinander, kommentiert und interpretiert sie nicht. Gerade deshalb beeindruckt der Roman „Der Sommer hat lange auf sich warten lassen“ so nachhaltig. Sprachlich präzise und schnörkellos zeigt Melitta Breznik, dass traumatische Erfahrungen wie Vergewaltigung nicht verdrängt und in den „Körpern begraben“ werden können, sondern lebensbestimmend bleiben, wenn sie nicht erzählt werden.



Der Sommer hat lange auf sich warten lassen
Roman von Melitta Breznik

Luchterhand Literaturverlag 2013
256 S., geb., € 20,60
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  10:35:09 07.18.2005