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Herzmilch - 14/2014

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Die Geschichte einer Zurichtung

Gertraud Klemm schreibt gegen die Vorgaben der Gesellschaft für den weiblichen Lebensplan an.

Von Anton Thuswaldner


Pflicht und Neigung benannte Kant das Spannungsfeld, in dem sich das Leben des Menschen verwirklicht. Pragmatischer ging es die Psychoanalyse im 20. Jahrhundert an und sprach vom Realitätsprinzip und vom Lustprinzip. Gertraud Klemm liefert die zeitgenössische Version zu einem alten Thema auf dem Hintergrund der Gender-Debatte. Eine Frau von heute sucht sich ihren Platz in der Welt und stößt auf lauter Hindernisse, weil sie auf Regeln eingeschworen wird, die sie ungefragt zu übernehmen hat. Diese haben nichts zu schaffen mit ihren Wünschen und Vorlieben, sie wird zur Erfüllungsgehilfin einer Ordnung, die ihr suspekt ist. Sie hält sich aber trotzdem daran, weil sie als nützliches Glied der Gesellschaft eine Rolle erfüllen will, die ihr zugewachsen ist. Rebellion ist nicht vorgesehen, auch das gehört zum natürlichen weiblichen Lebensplan.

Frauenleben hier und jetzt

Das klingt nach einer feminis-tischen Kampfschrift, der man in jedem Detail recht geben möchte, etwas beflissen und aufgeregt vielleicht und in jedem Fall ehrlich. Das ist aber nicht der Fall im Roman „Herzmilch“ von Gertraud Klemm, 1971 in Wien geboren, weil sie Literatur daraus macht, die nach ihren eigenen Gesetzen vorgeht. Sie macht anschaulich, wovon die Theorie allgemein spricht. Es geht um ein Frauenleben im Hier und Jetzt, eine Allerweltsbiografie, die kraft des literarischen Zugriffs erst zu etwas Besonderem wird.
Der Roman ist im Präsens der Allgegenwärtigkeit gehalten. Die Erzählerin hält nicht Rückschau auf ihr Leben, kennt nicht den abgeklärten Blick einer Person, die sich zurücklehnt und vor dem inneren Auge vorbeiziehen lässt, wie sie sich entwickelt hat. Mit dem klassischen Bildungsroman, der den Nachweis erbringt, wie sich eine Biografie in aufsteigender Linie zu einem Wesen entwickelt, das in Einklang steht mit den Vorgaben der Gesellschaft, hat das nichts zu tun.
Es herrscht ein ewiges Jetzt. Was immer gerade verhandelt wird, seien es Szenen aus der Kindheit als Käfersammlerin oder der ihrer Illusionen beraubten jungen Frau, es brennt in diesem Augenblick. Das ist der formale Hinweis darauf, dass die Vergangenheit in einem Menschen unentwegt arbeitet und das, was einmal war, nach wie vor vorhanden ist in einem, der nicht raus kann aus seiner eigenen Geschichte. Dazu kommt der Tonfall, der Naivität und Rationalität mengt. Die Erzählerin ist keine, die mit analytischem Durchblick sich ihrer Lage versichert. Sie bringt in Szenen und Episoden, was ihr widerfahren ist, um die Geschichte einer Zurichtung zu illustrieren. Die Theorie, um die die Autorin Gertraud Klemm Bescheid weiß, ist bis zur Unsichtbarkeit ins Erzählerische eingedrungen. Jene Momente, in denen sich klärt, was es heißt, als Mädchen aufzuwachsen und sich als Frau zu bewähren, werden herausgestellt als Schlüsseldramen eines Lebens.
Es herrscht ein Gleichklang des Tonfalls vor, der den Unterschied zwischen Kind und Frau aufhebt. „Der Zeitrahmen, in dem ich erwachsen sein darf und nicht alt, wird kurz sein.“ So steht es früh geschrieben, als das Mädchen gerade auf dem Sprung ist, sich zu entfalten. Natürlich redet und denkt so kein Kind. So redet und denkt aber auch keine Erwachsene. Die Sprache weist den unschätzbaren Vorteil auf, dass sie sich nicht klein macht, um auf naives Kind zu machen, und dass sie sich nicht aufbläht, um als rationales Wesen die Wirklichkeit zur Strecke zu bringen. Das Buch ist gleichsam von innen heraus geschrieben, von einer Kunstfigur, die die Gemütszustände genau kennt, aus der Perspektive von einer, die nahe dran ist am Erlebten. Kein Ich und kein Es, schon gar kein Über-Ich ist verantwortlich für diesen Text, am ehesten ein Zwischen-Ich, ein Ich, das zwischen den Generationen steht, die Übersicht wahrt und im Kind die Erwachsene, in der Erwachsenen das Kind sieht. Das Ich steht zwischen dem Bewusstsein des Mädchens und der Frau, ist abgeklärt und fassungslos zugleich. Daher erklärt sich diese seltsame Durchdringung aus Hellsicht und Naivität.

Zorn anstacheln

Die Sprache ist bildhaft. Die Erzählerin verpflichtet sich, unmittelbar anschaulich zu machen, was sich im Inneren abspielt. Der Kindergarten ist ein Loch, „das Gymnasium ist ein graues Maul, in das ich täglich verschwinde.“ Und weil die Pubertierende eine Ahnung davon hat, was es bedeutet, sich brav zu fügen, heißt es von ihr: „Meine Augen ringle ich mit schwarzem Kajal ein, gleich dreimal. Niemand soll auch nur glauben, dass mir das Leben Spaß macht.“
Eine Empörung schwingt im Untergrund mit, der Zorn, auf eine Frauenrolle festgelegt zu werden, der die Erzählerin genügt, was ihr aber widerstrebt. Sie fordert sich selbst auf, ihren Zorn anzustacheln, und das geschieht über konsequente Arbeit am Bewusstsein. „Ich habe eine Liste mit Büchern, die ich lesen möchte. Das, was darin steht, soll meinen Zorn in Bewegung versetzen.“ Gertraud Klemm schreibt einen Bildungsroman mit halber Kraft. Die Frau verfügt über das Wissen, wie sie von der Gesellschaft zurechtgebogen wird, und spielt doch mit. Sie bekommt ein Kind, wie erwartet, sie schraubt ihre Ansprüche zurück, wie vorgesehen.
Gertraud Klemm schreibt kraftvolle Prosa, die durchaus heftig Widerspruch erhebt gegen österreichische Zustände. Dann passiert es ihr, dass sie billige Vorurteile bedient. „Die Männer trinken Bier im Schatten und trauen den Kindern zu, nicht zu ertrinken. Wir Mütter sind uns da nicht so sicher. Wir stehen lieber am Beckenrand und reden, während unsere Augen die nassglatten Köpfe unserer Kinder suchen, die alle gleich aussehen.“ Überhaupt gelingen ihr kaum Männerporträts. Die wirken wie Typen von der Stange, bekommen keine Individualität, sind Pappkameraden. Herumkommen werden wir aber um Gertraud Klemm in Zukunft nicht.


Herzmilch
Roman von 
Gertraud Klemm
Droschl 2014
240 S., geb., € 20,60
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