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Wir Erben - 14/2014

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Im Leben Bei sich selbst ankommen

Angelika Reitzer zeigt in ihrem Roman „Wir Erben“ zwei Frauen auf der Suche nach ihrem Weg.

Von Maria Renhardt


Vor sieben Jahren hat Angelika Reitzer ihren ersten Prosaband „Taghelle Gegend“ veröffentlicht. Mittlerweile hat sie bereits ihr viertes Buch mit dem bedeutungsvollen Titel „Wir Erben“ herausgebracht. Reitzer, die in Graz geboren und in der Nähe der steirischen Hauptstadt aufgewachsen ist, hat gleich mit dem Erscheinen ihres Debüts große Aufmerksamkeit im Literaturbetrieb erhalten. Seither wurde sie mit zahlreichen Auszeichnungen bedacht. Ihr „souveräner Umgang mit Sprache“ beeindrucke, heißt es beispielsweise in der Jurybegründung für den Reinhard-Priessnitz-Preis, „ihr Blick“ werde in ihren Texten zu einer „Kamera und ihre Erzählungen gleichsam zu Filmen“.
Tatsächlich kennzeichnet die Literatur Reitzers ein ihr eigener Erzählduktus, ein Verzicht auf Narration im schwebenden Ineinanderfließen von Sequenzen, ja von Puzzlestücken verschiedener Lebensläufe. In ihrem Miteinander zeigen sie ein vielstimmig orches-triertes Tableau von Beziehungen und Lebensmustern, die sich durchaus als soziale Vexierbilder unserer modernen Gesellschaft erkennen lassen. Auch eine Bezugnahme auf literarische Traditionen ist da, in zahlreichen Zitaten und Anspielungen – beispielsweise in ihrem zweiten Prosaband „Frauen in Vasen“.
2008 erklärt Reitzer in einem Interview, dass es ihr zurzeit nicht möglich sei, „eine ‚plot-orientierte‘ Geschichte zu erzählen.“ Ihr neuer Roman „Wir Erben“, der aus zwei Teilen besteht, schlägt diesbezüglich in eine andere Kerbe. Ganz vorne im Buch findet sich kleingedruckt eine Widmung, die zugleich eine Danksagung ist. Gerichtet ist sie an „S. F. für ihre Geschichte“. Nun also doch eine Geschichte? Ja, denn dieses Buch hat Reitzer völlig anders konzipiert. Durchgehende Handlungsfäden, traditionelle Erzähllinien und wesentlich nüchterner im Sprachstil. Als Sujet taucht aber auch hier das Leben als Versuchsanordnung auf, gekoppelt an die Sehnsucht, darin anzukommen.

Starke Frauen

Im Fokus dieser Prosa stehen zwei Frauen aus unterschiedlichen kulturellen und sozialen Kontexten. Irgendwann einmal begegnen sie einander und werden Freundinnen. Da ist zunächst Marianne, die Erbin des Lex-Hauses, einer Baumschule in einem niederösterreichischen Dorf, die sich auf Obstgehölze, Zierpflanzen und später auch auf Rosen spezialisiert hat. Gleich zu Beginn des Romans stirbt ihre Großmutter Jutta, bei der sie nach einer schwierigen Kindheit lebt. So wächst sie gleich in den Familienbetrieb hinein. Tradition, Erbe und Familie sind markant. Die Hausbücher dreier Generationen dokumentieren das Wichtigste „zum Leben und zum Betrieb“. Ihre Großmutter war ihrem Mann einst nach Tanger gefolgt, in die marokkanische Stadt mit den blauweißen „Kasbah-Häusern“. Erst später trat er das Erbe an, wo sie sich als „Fremde am Hof“ fühlten und Jutta ein „Misstrauen gegenüber dem vererbten Gesinde“ hatte. Nach ihr übernimmt Marianne die Agenden des Betriebs, zunächst noch mit Unterstützung, dann selbstständig. Das Lex-Haus war immer dominiert von einer Frauenwelt. Es sind starke Frauen, oft Alleinerzieherinnen – auch Marianne zieht ihren Sohn alleine auf.
Mehrere thematische Netze durchweben und unterfüttern diese Prosa. Anhand des Ortes Gumpenthal dokumentiert Reitzer die Landflucht, die Veränderungen der Dorfstruktur, weil die Jungen das Land verlassen und die elterlichen Betriebe nicht mehr weiterführen. Der Reiz zum Aufbruch und die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Lebensentwürfen spülen sich in die Reflexionen über Heimat und Perspektivenwechsel. Nach dem Tod von Freunden fühlt sich Marianne als „Zurückgelassene“ und „Verbliebene“: „So oft verlassen zu werden, das war doch nicht mehr zu ertragen. Immer wieder hatte sie gemeint, es käme nur darauf an, selber den Standort zu wechseln, hin und wieder woanders zu sein, wie es ihr alle vormachten.“ Das Zurückgeworfensein auf existentielle Fragen zeigt ihr aber zugleich auch, dass die Sehnsucht nach Freiheit und Ungebundenheit nicht ihre ist.

Zwischen Illusion und Wirklichkeit

Dasselbe Ringen um den eigenen Weg schreibt Reitzer ihrer zweiten Protagonistin Siri ein, deren große Reise mit der Flucht, Zerrissenheit und Unbehaustheit ihrer Familie beginnt, weil sie in Ostdeutschland zu Hause ist. Während Mariannes Leben von gewisser Stabilität getragen ist, wird Siri von der „Rasanz der Veränderungen“ angetrieben. Bodenlosigkeit, das fehlende Zugehörigkeitsgefühl zuerst, als die Familie in den Westen flieht, und dann nach dem Mauerfall, als sie zurückkehren, erneut, weil sie als Verräter ihrer Heimat gesehen werden. Zwischen einem unbändigen Bedürfnis nach Freiheit, die dann plötzlich zu „etwas so Schwerem“ wird, und „zitternden Gedanken“ nach ihrer Rückkehr wird die Familie mit Schwierigkeiten konfrontiert. Freunde wenden sich ab, die Vergangenheit beginnt auf ihrem Leben zu lasten.
Siri lernt ein persisches Ehepaar kennen, das ein Teppichgeschäft betreibt und sie zur „ersten Berliner Mitarbeiterin“ macht. Danach studiert sie in den USA Kunst. Bei einem Fahrradunfall verliert sie ihren Geruchs- und Geschmackssinn. Erst als sie wieder zu Hause ist, nimmt sie eine Therapie in Angriff. Während des langen und harten Wegs zur Heilung knüpfen sich neue Knoten in Siris Lebenserfahrungen.
Besonders im zweiten Teil durchbricht Reitzer das Geschehen, wie man es bereits aus anderen ihrer Bücher kennt, mit glänzenden reflexiven Elementen. Es geht um die Bewältigung der brüchigen Vergangenheit, um Beziehungen und Perspektiven, um Lebensthemen zwischen Illusion und Wirklichkeit. Siris Leben ist in ständiger Bewegung und sie will sich wie Marianne ihre „eigene Geschichte ausdenken“.
Mit gewohnt unaufdringlicher Souveränität berührt Reitzer mit den Fragen der Ichwerdung, Individualität und Selbsterkenntnis die vielen Gesichter des Lebens. Aber vielleicht hätte man sich ein früheres Verknüpfen der beiden Figuren und Verquicken der Handlungsstränge gewünscht. Schließlich ist da noch der Wunsch, „Anteil [zu] haben an der Welt, an allem, was einmal gewesen ist, aber vor allem am Jetzt und an dieser unglaublichen, unsäglichen Zukunft“.


Wir Erben
Roman von Angelika Reitzer
Jung und Jung 2014
344 S., geb., € 22,90
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