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Night Moves - 35/2014

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„Kann nicht locker durchs Leben gehen“

Im Öko-Thriller „Night Moves“ sprengt Jesse Eisenberg einen Staudamm. Im Gespräch verrät er, warum ein Strandurlaub rein gar nichts für ihn ist.

| Von Matthias Greuling

„Night Moves“ heißt ein Boot, in diesem Film von Kelly Reichardt. Es wird vollgestopft mit einer hochexplosiven Mischung aus Ammoniumnitrat-Dünger und Treibstoff, an der Wand eines Staudamms platziert und in die Luft gejagt. Der Damm bricht, es ist Nacht, niemand soll zu Schaden kommen. Und doch ist es am nächsten Tag gewiss: Ein Camper wird vermisst, bald darauf seine Leiche geborgen.
Die Schiffsbombe ist das Werk dreier Umweltaktivisten, die nicht mehr länger zusehen wollen, wie die Amerikaner mit ihren Ressourcen umgehen: Der hydroelektrische Damm, den sie zerstören, erzeugt den Strom, der in Millionen All-American-Homes für die permanent laufenden Riesenflatscreens ver-schwendet wird, und für die Springbrunnen in den kitschig zurechtgemachten Gärten.
Sehr früh in diesem asketisch und doch facettenreich gestalteten Film wird klar, dass die Aktivisten Josh (Jesse Eisenberg), Dena (Dakota Fanning) und Harmon (Peter Sarsgaard) nicht mit der Schuld leben werden können, die sie sich mit ihrer Aktion aufgeladen haben. Kelly Reichardt hat in „Night Moves“ ihren sparsamen Inszenierungsstil perfektioniert. Sie nutzt als Vehikel die Mittel des Suspensekinos, ohne dabei in die Falle zu tappen, plakative oder gar sensationslüsterne Bilder des Mainstream zu kreieren. Ihr Suspense-Thriller ist stimmig, famos gespielt und vor allem: entrisch.

DIE FURCHE: Ihre stille Figur in „Night Moves“ passt nicht zu Ihren bisherigen Rollen. Sie spielen meistens geschwätzige Neurotiker.
Jesse Eisenberg: Das war für mich auch eine ganz neue Art, eine Rolle anzulegen. Ich musste mich erst daran gewöhnen, nicht so viel Text zu haben. Dennoch ist die Sprache einer Figur nur ein Bruchteil ihres Ichs. Die Frage ist immer, was dahinter steckt. Josh ist ein Mensch, der seine Gefühle und seine Enttäuschungen gerne hinunterschluckt. Deshalb ist er in einer nervösen Stille gefangen, die sich im Laufe des Films fatal entlädt.
DIE FURCHE: Einen Staudamm zu sprengen –ist das für Sie nachvollziehbar?
Eisenberg: Josh zerstört Dinge nicht um des Zerstörens willen, sondern weil er sich als Krieger in einem viel größeren Krieg wähnt: Die Zerstörung ist für ihn bloß ein Kollateralschaden. Was mich betrifft: Ich war nie gut im Demonstrieren. Ich kenne auch keine Aktivisten, die derart kompromisslos sind wie unsere Filmfiguren. Ich würde meinen Protest eher ruhig formulieren. Aber ich verstehe die Figur, weil ich weiß, was es heißt, wenn man für eine Sache brennt, wenn man leidenschaftlich wird. Ich verstehe auch, dass es gerade in Teilen des Landes, wo der Mensch große Einschnitte in die Natur macht, zu verstärkten Protesten kommt. Ich lebe in New York, dort ist das Mülltrennen der schärfste Ausdruck von Öko-Aktivismus.
DIE FURCHE: Wenn Sie Ihre Figuren im Kino auf der Leinwand sehen …
Eisenberg: … das passiert nicht, denn ich schaue mir meine Filme nie an.
DIE FURCHE: Wieso?
Eisenberg: Zuerst dachte ich, ich muss meine Filme schon allein deshalb ansehen, weil ich das den Menschen schuldig bin, die sie gemacht haben. Doch dann wurde mir klar, dass ich spüre, ob eine Szene funktioniert, wenn ich beim Dreh das Gefühl entwickle, das meine Figur in diesem Moment haben soll. Wenn ich dieses Gefühl nicht habe, dann misslingt die Szene, selbst, wenn sie der Regisseur nachher mit emotionaler Musik unterlegt. Würde ich das sehen, würde ich mein Scheitern sehen. Ich würde dadurch nichts lernen.
DIE FURCHE: Sie gehen mit ihren Gefühls-zuständen sehr offensiv um. Sie haben auch Ihre Zwangsstörung öffentlich gemacht.
Eisenberg: Ja, für mich ist die Zwangsstörung ein Teil meiner kreativen Persönlichkeit. Ich muss ihr viel Zeit widmen, muss das regelrecht einplanen, wenn ich mir sehr oft die Hände waschen muss. So richtig locker kann ich nicht durchs Leben gehen.
DIE FURCHE: 14 Tage abschalten und am Strand liegen, das ist also nichts für Sie?
Eisenberg: Ich weiß, wo der Strand ist, aber ich gehe nicht hin. Ich hasse Urlaub. Ich kann einfach nicht nichts tun.
DIE FURCHE: Weshalb Sie sich auch als Autor von Theaterstücken betätigen und eine Kolumne im „New Yorker“ schreiben?
Eisenberg: Ich liebe das Schreiben. Ich weiß aber auch, dass ich meine Freunde ziemlich vernachlässige, wenn ich an einem neuen Stück sitze. Dann gibt es für mich nichts außer Arbeit. Ich bin ein Rastloser.
DIE FURCHE: Demnach müsste Ihr Wohnort New York der ideale Platz für Sie sein …
Eisenberg: Sollte man meinen. Stimmt aber nicht: In New York kann man sehr faul sein, und trotzdem das Gefühl haben, etwas zu tun. Das liegt daran, dass so viele Menschen auf der Straße sind, dass jede Besorgung in Arbeit ausarten kann. Und trotzdem hat man nichts getan. Man geht raus, um eine Banane zu 
kaufen – und wird dabei vielleicht erstochen.
DIE FURCHE: Dann käme Ihrer Schaffenskraft ein Umzug aufs Land eher entgegen?
Eisenberg: Ja, da haben Sie recht. Bananen gibt es schließlich überall.


Night Moves
USA 2014. Regie: Kelly Reichardt.
Mit Jesse Eisenberg, Dakota Fanning, Peter Sarsgaard.
Stadtkino. 112 Min.
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