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Ein Augenblick Leben - 44/2014

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„Liebe Leute, habt euch selber lieb!“

Robert Linhart war einer jener unheilbar krebskranken Hospiz-Patienten, die Anita Natmeßnig 2006 für ihren Kinodokumentarfilm „Zeit zu gehen“ begleitet hat. Ihr neuer Film „Ein Augenblick Leben“ ist Linharts berührendes Vermächtnis.

| Von Doris Helmberger

Robert Linhart und seine alte Mutter sitzen nebeneinander auf dem Bett und starren schweigend in die Luft. Die kleine Gemeindebauwohnung des 53-Jährigen in Wien-Simmering strahlt nicht gerade große Lebensfreude aus: Quer durch den Wohnraum ist eine Wäscheleine gespannt, Ramsch und Papier stapeln sich und der Kasten, auf den die Mutter ihren Mantel hängt, öffnet sich wie von selbst. Hier also, auf diesen 25 Quadratmetern, soll der Lungenkrebskranke die nächsten, letzten Wochen seines Lebens verbringen. „Und sowas“, sagt seine Mutter ins dröhnende Schweigen hinein, „sowas lässt du filmen, Robi!“
Ja, Robert Linhart lässt das alles filmen – nein, er wünscht es sich sogar: Der alleinstehende und kinderlose Nachrichtentechniker, der sich im Hospiz der Caritas Socialis so gut erholt hat, dass er nun in die mobile Palliativbetreuung nach Hause entlassen wird, will „der Nachwelt filmisch erhalten bleiben“, wie er sagt. Er ist einer jener unheilbar krebskranken Hospiz-Patienten, die der Filmemacherin Anita Natmeßnig erlaubt haben, sie in dieser letzten Phase ihres Lebens für den Dokumentarfilm „Zeit zu gehen“ (2006) zu begleiten. Zwischen Linhart und Natmeßnig entwickelt sich freilich eine besondere Verbundenheit, ja Wesensverwandtschaft. Eine Woche vor seinem Tod im Jahr 2005 verspricht sie schließlich, ihm einen eigenen Film zu widmen.

„So schön war mein Leben auch nicht“

Nun, neun Jahre später, erfüllt die evangelische Theologin und Psychotherapeutin mit „Ein Augenblick Leben“ dieses Versprechen. Der Film ist Robert Linharts Vermächtnis – und seine Botschaft klingt scheinbar simpel: „Die Leute sollen sich mehr selber mögen, dann mögen sie auch die anderen mehr“, sagt er in die Kamera. Oder: „Liebe Leute, tut’s nicht rauchen und habt euch selber lieb.“
Ihm selber ist das nicht so gut gelungen: „Wenn man sich jahrzehntelang selbst nicht mag, dann manifestiert sich das eben leicht als Krebs“, glaubt Robert Linhart. Er würde noch gerne ein paar Kreuzfahrten machen, er würde gern Motorradfahren und noch mehr Zeit haben. „Andererseits: So schön war mein Leben nicht. Wenn ich also in absehbarer Zeit sterbe, habe ich wohl auch nicht viel versäumt.“
Diese lapidare, ja schonungslose Sicht auf die eigene Existenz verstört – auch Anita Natmeßnig, die sich in diesem Autorinnenfilm selbst einbringt. „Was heißt Leben? Was ist wichtig im Leben? Wie will ich leben?“ fragt sie, während die Kamera zum Atemholen der Enge der Wohnung entflieht und mit der U-Bahn über die Donau fährt.
„Ein Augenblick Leben“ ist so gesehen kein Film über das Sterben, sondern über die Kunst, das Leben bewusst zu gestalten. Diesem Anliegen folgt auch die Dramaturgie, die Anita Natmeßnig und ihr Cutter Adam Wallisch gewählt haben: Jene Szene, in der Robert Linhart nach seinem Tod – zurück im Hospiz – mit entspannten Gesichtszügen und Blumen zwischen den Fingern zu sehen ist, befindet sich in der Mitte des Filmes. Das Ende hingegen ist zuversichtlich gestimmt und mit einem Walzer untermalt: Robert Linhart fährt darin im Schiff sitzend donauaufwärts, in eine andere Dimension, wie er hofft.
Dieser Mann, der seinem Sterben mit verblüffender Gelassenheit entgegenblickt, sei ihr zum Vorbild geworden, sagt Anita Natmeßnig. Im Angesicht des Todes hat er sogar sein Stottern abgelegt, das ihn 50 Jahre lang gequält hat. Ein bewegender Film – und ein wertvoller Beitrag für die aktuelle Diskussion über Sterben und Leben in Würde.


Ein Augenblick Leben
A 2014. Regie: Anita Natmeßnig. 

Mit Robert Linhart.
Thimfilm. 89 Min.
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