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Amour Fou - 45/2014

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Der Tod is a Vogerl

Mit „Amour Fou“ ist Jessica Hausner ein exzeptioneller Film gelungen, der sich vom österreichischen Mainstream ganz und gar abhebt.

| Von Otto Friedrich

Der wienerische Zugang zum Tod ist ein spielerischer. So lautet zumindest das Vorurteil über jene Stadt, über die es ja auch das Bonmot gibt, der dortige Zentralfriedhof sei halb so groß wie die Stadt Zürich, dafür aber doppelt so lustig. Spätes-tens seit dem lieben Augustin, dem eigentlichen lokalen Pestheiligen, geistert das alles als Verdikt übers Wiener Lebensgefühl durch die Kulturgeschichte. Und nun darf man sich bei einer Filmarbeit heimischer Produktion einmal mehr vergewissern, dass dem allen so ist.
„Amour Fou“ – schon der Titel von Jessica Hausners famosem Opus, ist Camouflage: Denn es geht da nicht um den Irrwitz einer Liebe, sondern um deren Verkleidung, die vielleicht Tod heißt. Sogar die Entleibungsszene, gemeinhin der Kulminationspunkt eines Dramas, das auch dieser Film zu sein vorgibt, verliert sich im Linkischen eines Dichterlebens, um das „Amour Fou“ kreist: Der Tod, wiewohl ersehnt wie herbei-gedichtet, erscheint als Betriebsunfall einiger verwirrter Seelen. Und die Historie, die Jessica Hausner und ihr kongenialer Kameramann Martin Gschlacht in Tableau um Tableau zitieren, bildet bloß die Folie, um ein gar absurdes Theater zu entwickeln.
Es verwundert hier keineswegs, wenn die Regisseurin diese gefilmte Todesspirale mit dem Attribut „romantische Komödie“ versieht, denn der Tod ist hier ein Vogerl – und nicht das Glück, wie es bekanntlich im ab-gesungenen Wienerlied heißt.

Todesdrang aus dichterischem Impetus

Die wienerischen Abgründe werden durch diesen Film ins Preußen um 1811 verpflanzt. In diesem Jahr betätigte sich bekanntlich der Dichter Heinrich von Kleist als (Selbst-)Mörder, in dem er sich selber und zuvor seine Freundin Henriette Vogel aus dem Dasein hinwegschoss.
Über den Todesdrang aus dichterischem Impetus gibt es seit jenen Geschehnissen allerlei Mutmaßungen, auch darüber, dass der Todeskandidat fast verzweifelt nach Gefährten oder Gefährtinnen für seine finale Tat gesucht habe. Und dass Henriette, die letztendlich dazu Bereite, dann weniger liebes- als krebskrank war, sodass der Wille zum Hinscheiden keineswegs das romantische Motiv war, welches sich die Todessehnsüchtigen in den beiden Jahrhunderten seither gerne ausgemalt hatten.
Jessica Hausner selber hat in Interviews über „Amour Fou“ erzählt, dass sie seit Jahren an einem Drehbuch über einen Doppelselbstmord dran war, als ihr die Geschichte vom gewollten Hinscheiden des Heinrich von Kleist und der Henriette Vogel in den Schoß gefallen ist. Nun konnte sie davon erzählen: Die Namen der Figuren orientieren sich an den historischen Ereignissen, auch die Gewandung der Protagonisten, die Sprache, die Tableaus, in welche die Filmerzählung gezwängt wird, wandern ins Berlin des beginnenden 19. Jahrhunderts – aber all das bleibt unwirklich. Das Kleist’sche Lebensdrama entwickelt sich in aberwitziger Künstlichkeit.
Poesie? Ja, die Worte wirken überbordend – und gleichzeitig sind sie Phrasen, nicht nur aus einer vergangenen Zeit: Denn es mag sein, dass wohl auch 1811 das, was gesagt wurde, wenig vom Unsagbaren spüren lässt. Aber hier und heute sind die Worte, die mit der erfahrenen Wirklichkeit ganz und gar nicht übereinstimmen, mindestens so hohl wie die Phrasen, welche die beiläufige Gesellschaft in „Amour Fou“ bestimmen.
Das Leben und die Beziehungen bleiben künstlich, auch die Musik ist nichts als das Kaschieren der Leere, die ringsum herrscht. Eine Tochter, die der Mutter fremd ist und vice versa, ein Ehemann, der seine Henriette wie beiläufig diesem Heinrich, vor dem niemandem graut, überlässt. Und eben ein Tod, der lächerlich wie lachhaft daherkommt.
Man hat das zeitgenössische Filmschaffen Österreichs ja in die Schublade der Abgründigkeiten gelegt – Michael Haneke, wiewohl Jessica Hausners künstlerischer Förderer, zelebriert diese bekanntlich in allen denkbaren Schattierungen. Und erst recht Ulrich Seidl, dessen Keller-Fantasien zuletzt das Kinopublikum auf die Probe stellten, frönt gleichfalls seit jeher der Abartigkeit als ers-ter Kategorie des Menschseins.
Aber nun kommt Hausner mit ihren gefilmten Tableaus, die doch so anders wie die Seidl’schen Markenzeichen sind, und dekonstruiert damit das Pathos des Unglücks, in das die heimische Filmkunst längst hinweggedriftet scheint.

Preußisches Ambiente mit Wiener Note

Tragik, in der man schmunzelt und lacht. Ja, derfen’s denn dös? Sie dürfen. Und sie – siehe oben – geben dem preußischen Ambiente eine Wiener Note, dass es eine Freud ist. Dass „Amour Fou“ in Cannes Aufmerksamkeit erregte, war folgerichtig. Auch dass die eben zu Ende gegangene Viennale, deren Direktor Hans Hurch sich selten als großer Promotor des österreichischen Films geriert, „Amour Fou“ zum Eröffnungsfilm gekürt hat, war eine richtige Wegweisung.
Dazu kommt, dass implizit eine politische Botschaft zu entdecken ist: Denn auch das Biedermeier, das in diesem Film aus allen Einstellungen hervorlugt, stellt ja längst mehr eine historische Epoche dar und erweist sich keineswegs als ein aus der Zeit gefallenes Lebensmodell. Man ist Jessica Hausner dankbar, dass sie diese unterschwellig durchschimmernde Gesellschaftskritik nicht ausspart.
Nachzutragen bleibt da lediglich, dass im Verein mit der Regisseurin und der Kamera auch die Schauspieler „Amour Fou“ zu einem überzeugenden Film machen. Chris-tian Friedel, dem Publikum durch seine Darstellung des jungen Dorfschullehrers in Michael Hanekes „Weißem Band“ längst bekannt, brilliert als Heinrich, ätherisch-kongenial an seiner Seite gibt Birte Schnöink die Todesgefährtin Henriette, und als Dritter im Mimen-Bunde reüssiert Stephan Grossmann in der Rolle des – überlebenden – Ehegatten.
Ein exzeptioneller österreichischer Film, zweifelsohne Jessica Hausners beste Arbeit, die da jetzt ins Kino kommt.

Amour Fou
A/LUX/D 2014. Regie: Jessica Hausner. 

Mit Christian Friedel, Birte Schnöink, Stephan Grossmann.
Stadtkino. 96 Min.
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