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Americanah - 25/2014

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Farbenlehre in Amerika

Die Nigerianerin Chimamanda Ngozi Adichie schreibt ein wichtiges Buch über den Rassismus in den USA.

Von Martin Zähringer

Im neuen Roman von Chimamanda Ngozi Adichie geht es um vieles: Um die Liebe, um den Alltag in Lagos, um Migration und Abschiebung, um sehr viele verschiedene Menschen und Gesellschaftsschichten, um eine kosmopolitische Szenerie zwischen Lagos, London und New York – und vor allem geht es um die Rasse. Für die Hauptfigur ist das zunächst eine kuriose Sache. Die junge Frau aus Afrika entscheidet sich im Alter von 17 Jahren für die Migration nach New York, geht in Manhattan auf ein College und wird vor all den anderen Studenten gefragt, wie sie ein bestimmtes Problem aus der Sicht der schwarzen Identität erklären würde. Sie hatte keine Ahnung, Ifemelu Ngozi Okwonko aus Lagos in Nigeria, denn dass sie überhaupt eine schwarze Identität haben könnte, war 
ihr unbekannt.
So wird also Ifemelu in eine Gesellschaft initiiert, die sie die „Gesellschaft der Ehemaligen Neger“ nennt. Sie gehört beileibe nicht zu den Opfern des Systems, denn sie steigt langsam auf der sozialen Leiter aufwärts. Ihr erster Freund ist der junge weiße Curt, reich und nie um die Lösung eines Problems verlegen. Er verschafft ihr auch einen guten Job, doch für den muss sie leiden. 
Denn eine Lektion in Amerika ist, dass eine schwarze Frau nicht mit Dreadlocks, Zöpfchen, Mikrobraids oder gar einem Afro bei ihrem neuen Arbeitgeber erscheint, sondern mit geplättetem Haar.

Kampf gegen die Ignoranz

Auch für den Leser beginnt die Initiation in den Kosmos der Color Line in einem afroamerikanischen Friseurladen. Er ist für den Roman eine Art erste Schaltzentrale, von dort zieht man mit Ifemelus Erinnerungen an die verschiedenen Schauplätze ihres Lebens. In Amerika beginnt sie in Manhattan, zieht nach Philadelphia und Baltimore und am Ende wieder nach Lagos. Im Friseurladen aber gibt es entscheidende Lektionen, die „ethnischen Haare“ sind ein großes Thema im Buch. Ob als geborene Afroamerikanerin oder als eingewanderte afrikanische Frau – über alle herrscht das Glätteisen. Im Ernstfall geht es dem naturgewachsenen Afro chemisch an den Kragen, was bei Ifemelu zu einer eitrigen Entzündung der Kopfhaut führt. Als ihr Liebhaber Curt eine Klage erwägt, winkt sie ab – so läuft die Sache nun einmal, von der Supermarkt-Kassiererin bis zur First Lady Obama.
Dem körperlichen Leiden entspricht ein intellektuelles. Besonders anschaulich kommt das in den Partyszenen mit weißen Akademikern zum Ausdruck, die sich doch so liberal geben. Bei der Detailgenauigkeit der Beobachtungen und Dialoge ahnt man schon, dass es sich um Erfahrungen der Autorin selbst handeln muss. Aber angesprochen werden die Weißen einmal mehr durch einen Blog, den Ifemelu im Internet betreibt und der ihr sogar die Mittel für eine Eigentumswohnung verschafft. In diesem Blog, im Buch durch gesperrte Schrift hervorgehoben und sukzessive in die Erzählung eingeschoben, kommt die Young Angry Woman zur Sache:

„Haltet euch zurück und sucht nicht nach alternativen Erklärungen für das, was passiert ist. Sagt nicht: 
‚Oh, eigentlich geht es gar nicht um Rasse, es geht um Klasse. Oh, es geht gar nicht um Rasse, es geht um Geschlecht. Oh, es geht nicht um Rasse, es geht um das Krümelmonster.‘ Wisst ihr, schwarze Amerikaner WOLLEN nicht, daß es um Rasse geht. Ihnen wäre es lieber, wenn keine rassistische Scheiße passieren würde. Wenn sie also sagen, es geht um Rasse, dann geht es vielleicht wirklich um Rasse.“

Das soziale Fatum der Farben

Am Ende gibt sie den Kampf gegen Ignoranz, die subtilen Gemeinheiten und die rassistischen Zuschreibungen auf und geht wieder zurück nach Nigeria. Dort berichtet eine Freundin über publizistische Erfahrungen mit ihren Memoiren. Sie war auch in Amerika: „Mein Lektor liest das Buch und sagt: Ich verstehe, dass Rasse eine Rolle spielt, aber das Buch muss über Rasse hinausgehen, damit es nicht nur um Rasse geht. Und ich denke: Aber warum muss ich über Rasse hinausgehen? Ihr wisst schon, als ob Rasse das Gebräu ist, das am besten verdünnt serviert wird, mit anderen Flüssigkeiten versetzt, sonst können Weiße es nicht schlucken.“
Hier kann man Chiamanda Ngozi Adichie auch direkt antworten: Doch, man kann es schlucken und sogar verdauen. Das Buch ist ein aufschlussreicher Diskurs über das schwierige Thema Rasse, besonders in den Passagen, die erklären, wie sich das Prinzip Rasse konkret anfühlt. Etwa in folgendem Bild: Stellen Sie sich vor, sie lesen Ihre überregionale Zeitung oder schalten Ihr öffentliches Fernsehprogramm an, und sie bekommen ausschließlich Menschen einer anderen Rasse zu sehen. So ist es für Schwarze in Amerika jeden Tag, schreibt Ifemelu im Blog.
In Afrika allerdings geht das Medienspiel so: Ifemelu unterhält sich mit der Freundin Zemaye über Amerika. Die fragt: „‚Warum sind dort nur Schwarze kriminell?‘ Ifemelu öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Da war sie, eine berühmte Bloggerin zum Thema Rasse, und es hatte ihr die Sprache verschlagen. ‚Ich liebe COPS. Nur wegen dieser Sendung habe ich DS-TV‘, sagte Zemaye. ‚Und alle Kriminellen sind schwarz.‘“ 
Da ist es wieder, das soziale Fatum der Farben in Amerika, einem Land, in dem offiziell und laut Gesetz die Farbenblindheit herrscht. Adichies Roman zeigt uns anschaulich und schmerzhaft, was hinter den Kulissen steckt.


Americanah
Roman von Chimamanda Ngozi Adichie,
übers. von Anette Grube
S. Fischer 2014
608 S., geb., € 25,70
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