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Was mit dem weißen Wilden geschah - 25/2014

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Einmal Wildnis und zurück

François Gardes Debüt über einen schiffbrüchigen Franzosen, der zum Aborigine wird und später wieder lernen muss, Europäer zu sein.

Von Friederike Gösweiner

Gleich neun Preise werden auf der Website von Gallimard neben François Gardes Romandebüt „Ce qui advint du sauvage blanc“ aufgelistet, darunter auch der „Prix Goncourt für den ersten Roman“. Das ist eine beachtliche Ausbeute für ein literarisches Debüt, das auf Deutsch nun unter dem Titel „Was mit dem weißen Wilden geschah“ erschienen ist. Und es wirkt noch erstaunlicher, weiß man, dass es sich bei dem Buch um einen historischen Roman handelt, gemeinhin nicht das Genre, für das es hohe literarische Preise hagelt, schon gar nicht in der Menge, in der sie Garde, Jahrgang 1959, für sein spätes Debüt erhalten hat. Wie hat er das also gemacht?

Unglaubliches Abenteuer

Da wäre zunächst einmal das Sujet: „Was mit dem weißen Wilden geschah“ ist eine Robinsonade (wenigstens zur Hälfte) und erzählt ein ganz und gar unglaubliches Abenteuer. Narcisse Pelletier, eine der zwei Hauptfiguren im Roman, gab es wirklich. Er lebte im 19. Jahrhundert, war Matrose auf der „Saint Pol“, die entlang der Nordostküs-te Australiens unterwegs war, Richtung Java, und dort irgendwo in einer Bucht ankerte, um die Trinkwasservorräte für die Weiterfahrt aufzufüllen. Bei diesem Landgang wurde Narcisse vergessen, damals gerade einmal vierzehn Jahre alt (im Buch ist er achtzehn). Er blieb allein zurück, auf dem Festland, am nördlichen Zipfel Australiens, mitten in der Wildnis. Die nächste europäische Siedlung war damals Sydney und lag Tausende Kilometer entfernt, sich dorthin durchzuschlagen – undenkbar.
Siebzehn Jahre später, im Buch sind es achtzehn (womit sich eine schöne Symmetrie ergibt, weil Narcisse achtzehn Jahre in der Zivilisation gelebt hat und ebenso viele Jahre in der Wildnis), findet die „John Bell“ einen „weißen Wilden“, der sich „Amglo“ nennt, inmitten eines Aborigines-Stammes, der ihn offensichtlich adoptiert hat. Sie nimmt Narcisse alias Amglo an Bord und bringt ihn zurück in die Welt der Weißen, zurück in die Zivilisation, nach Sydney. Dort trifft er auf Octave de Vallombrun, ein Mann der Wissenschaft, Geograf, im Dienste der Société de Géographie, der sein Vormund wird und seine „Resozialisierung“ organisiert.
Vallombrun ist zwar ein fiktiver Charakter, doch folgt Garde auch im weiteren Handlungsverlauf zumindest in groben Zügen den tatsächlichen Ereignissen: Mühsam erlernt Narcisse unter Vallombruns Obhut seine eigentliche Muttersprache wieder, das Französische, genauso wie elementare Umgangsformen, Verhaltenregeln, kurz: all jene kulturellen Errungenschaften der Zivilisation, die das Zusammenleben in der europäischen Gesellschaft der damaligen Zeit eben ausmachten. Dass das nicht ganz ohne Probleme vonstatten geht, liegt auf der Hand. Vor allem was Besitz, was Eigentum ist, versteht Narcisse nicht. Auch was Scham ist, scheint er verlernt zu haben. Dafür kann er arbeiten wie ein Tier und hilft immer und jedem, wenn er sieht, dass Hilfe vonnöten ist. Er wehrt sich nicht, wenn er verprügelt wird, sondern weicht lediglich geschickt den Schlägen aus, und er blickt den Damen direkt und tief in die Augen, was sie ganz und gar nicht gewöhnt sind, aber offensichtlich gern haben, denn der Erfolg, den Narcisse bei den Frauen hat, ist ziemlich erstaunlich.

Zweite Identität

Zurück in Frankreich hagelt es Sensationsmeldungen über den „weißen Wilden“, Narcisse wird der geografischen Gesellschaft vorgeführt und schließlich sogar an den Hof geladen. Doch gleich, wem er gegenübertritt, gleich, wer ihn dazu befragt, was alle am meisten interessiert – wie man sich das Leben bei den „Wilden“ Australiens denn nun eigentlich wirklich vorstellen dürfe –, Narcisse schweigt sich über die Jahre bei den Aborigines aus. „Reden ist wie sterben“, bleibt seine knappe Antwort. Er weiß: Möchte er Narcisse bleiben, möchte er sich diese neue-alte Identität bewahren, muss er über seine zweite, andere, seine Jahre als Amglo schweigen. Das aber kann Vallombrun bis zuletzt nicht verstehen, macht sie doch alle seine Bemühungen zunichte, sich mit der Erforschung der Kultur der Aborigines wissenschaftliche Lorbeeren zu verdienen und so nimmt die Geschichte der beiden kein gutes Ende ...
Der eigentliche Clou ist nun, wie diese ganz und gar unglaubliche Geschichte erzählt wird: Während von Narcisses erster Metamorphose in Amglo ein olympischer Erzähler berichtet, schildert Vallombrun die Rückverwandlung Amglos in Narcisse aus seiner Sicht, in Form von Briefen – Robinsonade trifft auf Briefroman. Die Kapitel alternieren, sodass man als Leser beide Metamorphosen Schritt für Schritt parallel miterlebt. Das entspricht auch dem Anliegen Gardes: Diese unglaubliche, psychologisch höchst interessante zweifache Metamorphose von Narcisse zu Amglo und von Amglo zurück zu Narcisse auf der einen Seite und Vallombruns aufrichtiges anthropologisches Interesse, als Europäer „andere“ Gesellschaften verstehen zu wollen, ohne aber diesen „anderen“ den dafür nötigen Respekt entgegenbringen zu können, das sind die beiden Kernthemen des Romans.
Erzählt wird routiniert, der 19. Jahrhundert-Sprachduktus in den Briefen gut getroffen. 
Überhaupt ist diese Briefebene des geschwätzigen, wortgewaltigen Vallombrun die gelungenere und kurzweiligere. Der abenteuerliche Robinsonade-Teil wirkt dagegen eher blass. Von der Verzweiflung, der existenziellen Angst, der unglaublichen Einsamkeit, die 
Narcisse in den ersten Tagen als Schiffbrüchiger empfunden haben muss, spürt man nur wenig. Aben-teurer ist François Garde aber auch im wahren Leben keiner: Als Absolvent des ENA, des École National d’Administration, der französischen Polit-Kaderschmiede, war er lange Zeit hoher Regierungsbeamter in Neukaledonien. Das merkt man dem Buch an. „Was mit dem weißen Wilden geschah“ ist kein frecher, kühner, innovativer Text eines jungen Wilden, sondern das Werk eines distinguierten Herrn – grund-solide gearbeitet, klug, reif, dafür ein wenig brav und unoriginell. Neue Erkenntnisse birgt der Roman über den „weißen Wilden“ jedenfalls keine. Muss aber auch nicht sein. Die französischen Juroren hat das zumindest nicht gestört.


Was mit dem weißen Wilden geschah
Roman von François Garde,
übers. von Sylvia Spatz
C. H. Beck 2014
318 S., geb. € 20,60
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