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Die Hausnummer - 43/2007

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„Seelen-Conscribirung“
Die heutigen Hausnummern sind ein Nebenprodukt schwieriger Datenerhebung
zu militärischen Zwecken im 18. Jahrhundert.
Von Christian Jostmann

Haben Sie sich jemals gefragt, seit wann die Häuser Nummern tragen? Vermutlich nicht. Doch auch die Hausnummer hat eine Geschichte, die zu erzählen sich lohnt, wie Anton Tantner mit seiner Studie über „Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie“ demonstriert.
Wie anderswo in Europa ist auch in Österreich die Hausnummer eine Erfindung des 18. Jahrhunderts und damit einer Zeit, die besessen war davon, die Welt zu klassifizieren. Was Carl von Linné für das Reich der Natur leistete, taten die Herrscher des aufgeklärten Absolutismus mit ihren Reichen und Völkern. Maria Theresia und Joseph II. befahlen im Frühjahr 1770, in den böhmischen und österreichischen Ländern eine groß angelegte Volkszählung durchzuführen.
Treibende Kraft hinter dieser „SeelenConscribirung“, die sich über mehr als zwei Jahre hinzog, rund 1800 Beamte und Schreiber beschäftigte und circa 266.000 Gulden kostete, war Hofkriegsratspräsident Franz Moritz von Lacy. Denn ihr Zweck war ein militärischer: Ihre Majestäten wollten nach preußischem Vorbild die Rekrutierung der Soldaten reformieren, und dafür mussten sie zuerst wissen, wer überhaupt für „das Militare“ infrage kam und wer besser dem „Nähr-Stand“ erhalten blieb.

Tantner rekonstruiert den gesamten Vorgang minutiös aus den Akten, von den Diskussionen der Regierung bis zur mühsamen Arbeit der Datenerhebung. Nicht genug, dass die Beamten bei Wind und Wetter in die hintersten „Gebürge“ klettern mussten. So sollte in der Untersteiermark die Beschreibung der „Seelen“ an Feiertagen unterbleiben, weil es sonst „wegen öfterer Berauschung der Leuten zu Verdrüßlichkeiten“ komme. Der Historiker zitiert so ausgiebig aus den Quellen, dass deren urwüchsige Sprache seinen Text mitformt. Das erhöht den Reiz der Lektüre.
Vorherige Zählungen hatten in Österreich kaum brauchbare Ergebnisse erbracht. „Grosse Mühe und Beirrung“ bereitete die Lokalisierung der Subjekte. Solange die Häuser nur Namen trugen, konnten sie samt den Bewohnern allzu leicht verwechselt werden. Daher ordnete die Regierung mit der Konskription von 1770 an: „Alle Städte, Märckte, Burgfriede, Dorfschaften, Pfarr-Häuser, Grund-Obrigkeitliche Gebäude, Mayr-Höfe, Bräu-Häuser, Schäfler-Höfe, Garten-Häuser, einzelne Häuser, und Keuschen, einzeln gelegene Bad-Stuben sind ohne mindeste Ausnahm getreulich zu consignieren.“ Nicht einmal die „Kaiser-Königl Burg“ war ausgenommen. Jedes Haus sollte eine Nummer erhalten und diese sichtbar außen „affigiret“ werden.

Politischer Widerstand gegen die Volkszählung kam vor allem von den Ständen, einmal weil auch die Herrenhäuser nummeriert und damit den „Chaluppen“ der Untertanen in gewisser Weise gleichgestellt werden sollten. Zum anderen, weil die Konskription eine Art direkten Kanal zwischen „Volck“ und Regierung schuf, unter Umgehung der Grundherren. Das „Volck“ nutzte diesen Kanal sogleich, um sich bei den Beamten über die „Bedruckung“ durch ihre Herren zu beklagen. Die „Politischen Anmerkungen“, die aus den gesammelten Klagen hervorgingen, lasen Joseph II. und der Hofkriegsratspräsident mit großem Interesse. Sie leiteten daraus Ideen ab, in denen Tantner Ansätze eines „militärischen Wohlfahrtstaats“ erkennt.
Die Zwecke und Ziele der Hausnummerierung sind Geschichte, die Hausnummern aber sind geblieben. Für alle, die sich weniger in die Seelenkonskription von 1770 vertiefen, sondern mehr über die Geschichte und Zukunft der Hausnummer im allgemeinen erfahren wollen, hat derselbe Autor kürzlich im Marburger Jonas Verlag ein hübsch aufgemachtes, bebildertes Büchlein aufgelegt.


Ordnung der Häuser, Beschreibung der Seelen.
Hausnummerierung und Seelenkonskription in der Habsburgermonarchie.
Von Anton Tantner. StudienVerlag, Innsbruck 2007
294 Seiten, € 34,90


Die Hausnummer. Eine Geschichte von Ordnung und Unordnung.
Von Anton Tantner. Jonas Verlag, Marburg 2007. 80 Seiten, € 15,-
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