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Winterschlaf - 08/2015

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In den Felsen von Kappadokien

„Winterschlaf“: Endlich kommt der Cannes-Gewinner 2014 auch hierzulande ins Kino. Ein exzeptionelles Drama, in dem die wesentlichen Fragen der Existenz anklingen.

| Von Otto Friedrich

Diese Archaik einer Landschaft. Diese urtümlichen Felsformationen Zentralanatoliens, in die oft Behausungen und Häuser hingemeißelt sind. Dabei gestand Nuri Bilge Ceylan im Interview, dass er für seinen „Winterschlaf“ gar nicht in Kappadokien hatte drehen wollen. „Aber“, so Ceylan: „Nach einiger Recherche hatte ich keine Wahl. Die Landschaft sollte einfach sein, aber auch touristisch. Nur in Kappadokien gab es im Winter noch Touristen …“
Man ist geneigt, derartige filmemacherische Aussage cum grano salis zu nehmen: Denn die Bizarrheit der Felsformationen ergibt, gepaart mit Kargheit und der Weite einer Winterlandschaft, eine großartige Folie, auf der sich viel über das Leben unter erschwerten Bedingungen sowie über das Leben an sich erzählen lässt.

Nicht nur die Landschaft spricht hier

„Winterschlaf“, der Cannes-Sieger des Vorjahres, ist ein grandioses Epos über das Sein und dessen Unwirtlichkeit, ganz und gar keine Provinzidylle, auch wenn es die Provinz ist, in die Nuri Bilge Ceylan, der mit seiner Frau Ebru gemeinsam das Drehbuch verfasst hat, rurale und urbane sowie intellektuelle und existenzielle Probleme hineinmischt. Und als Clou des Ganzen erweist sich die Dramaturgie, die in „Winterschlaf“ nicht einfach die Landschaft sprechen lässt: Selten hat man in solcher – geografischen – Weite so viele Worte gehört, wie hier. Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man reden: Als derartig paradoxe Paraphrase auf Ludwig Wittgensteins bekannten Satz hält dieser Film taxfrei her. Und je mehr die Protagonisten ihren Mund aufmachen, umso klarer, dass auch das Reden Schweigen bedeuten kann. So lautet nur eine der spannenden Erkenntnisse, die „Winterschlaf“ bereithält. Nicht einmal die Tatsache, dass der Film dreieinviertel Stunden in Anspruch nimmt, ist abschreckend – im Gegenteil: Das Gezeigte hält in solchem Bann, dass auch die viereinhalb Stunden, die Ceylan auf die nunmehrige Länge kürzen musste, vorstellbar bleiben.
Mitten in den Bergen Kappadokiens betreibt der ehemalige Schauspieler Aydin ein kleines Hotel. Er hat es ebenso geerbt wie die in die Felsen geschlagenen Häuser, die er vermietet. Aydins Haushalt komplettieren seine um vieles jüngere Frau Nihal sowie seine eben geschiedene Schwester Necla.
Die für einen Hausherr nötige Drecksarbeit lässt er seinen Verwalter Hidayet erledigen – insbesondere wenn es ums Eintreiben ausständiger Mieten geht, die die verarmten Bewohner der Gegend kaum aufbringen. Vor allem mit dem Hodscha Hamdi, bei dem dessen arbeitsloser Bruder Ibrahim und dessen halbwüchsiger Sohn Ilyas leben, gibt es Ärger: Der Religionsgelehrte kann die Miete nicht zahlen, weswegen er gepfändet wurde, was wieder den Buben dazu bringt, eine Scheibe von Aydins Landrover zu zerschlagen: Sublim(iert)e Gewalt – ob physisch oder psychisch – säumt die Lebenswege Aydins: Mit Ehefrau Nihal verbindet ihn längst kein Feuer mehr, er matcht sich mit ihr ebenso unerbittlich wie mit Schwester Necla, die ihrerseits an ihm kaum ein gutes Haar lässt.

Projektionsflächen für einen Misanthropen

Aydin schreibt Kolumnen für eine regionale Zeitung, er sinniert darin über Gott und die Welt: Necla wirft da vor allem seinen Auslassungen über die Religion vor, er schreibe über etwas, von dem er rein gar nichts ver-stehe. Gleichzeitig versucht er sich, ohne substanziell weiterzukommen, an einem Buch über die Geschichte des türkischen Theaters.
Je länger „Winterschlaf“ dauert, desto offener entpuppt sich Aydin als selbst-gefälliger Zyniker, der umso öfter um sich schlägt, je mehr er seine Stellung als lokaler Patriarch gefährdet sieht – gegenüber seiner Familie ebenso wie gegenüber den Menschen im Dorf, die allzuschnell zur Projektionsfläche seiner Misanthropie geraten.
Nuri Bilge Ceylan gelingt es auf diese Weise, einen Kosmos der türkischen Gesellschaft darzustellen, ohne dass er auf allzu aktuelle Ereignisse in der Autokratie von Recep Tayyip Erdo˘gan eingehen muss. Bei der Verleihung der Goldenen Palme widmete er diese zwar den „jungen Menschen in der Türkei und jenen, die im vergangenen Jahr ihr Leben verloren haben“, aber solche Anspielung, u.a. auf die niedergeschlagenen Proteste in Istanbul, findet sich keineswegs im Film selber. Denn dort thematisiert er die Spannungen und Verwerfungen auf allen Seiten – zwischen urbaner Lebensart, ländlicher Religion, der allseits grassierenden Armut und einem vorherrschenden Paternalismus, der viele Existenzen auf ebensovielen Ebenen anficht.
Ceylan nennt explizit Anton Tschechow als ein literarisches Vorbild für seinen Film, und man konstatiert „Winterschlaf“ genau in seiner beißenden Gesellschaftsdiagnose ohne tagespolitische Überaktualität eine wirkliche Verwandtschaft mit dem russischen Dramatiker-Titanen.
Dass solch existenzielle Auseinander-setzung, die durch großartige Schauspieler verkörpert wird, niemals unpolitisch ist, versteht sich dennoch von selbst. Aber wie vor, hinter und neben den Abgründen, die sich hier auftun, so etwas wie Liebe und Güte keimen könnten, auch davon vermittelt „Winterschlaf“ die eine oder andere Ahnung. Wenn 
jedoch selbige Güte, sobald sie von Ehefrau Nihal den Verarmten im Dorf ungelenk angeboten wird, buchstäblich zum Fraß der Flammen gerät, dann kann dieser Winterschlaf auch zum Alptraum werden.


Winterschlaf (Kiş Uykusu)
D/F/TK 2014. Regie: Nuri Bilge Ceylan.
Mit Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbağ, Ayberk Pekcan.
Stadt-kino. 196 Min.
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