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Vorbei - 43/2007

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Erlebte Ferne
Der Künstlertod als großes „Vorbei“, das auch über die Kunst hinwegschreitet.
Von Oliver vom Hove

Hat der so hart erkämpfte Widerstand der DDR-Literatur etwas bewirkt? Selten hat die Geschichte eine Frage wie diese so klar mit Ja beantwortet. Ob sie allerdings auch ihre Ziele erreicht hat, ist durch die politische Geschichte der letzten 15 Jahre fragwürdig geworden.
Einer, der vor drei Jahrzehnten mit einem einzigen Erzählband die Mauer des lähmenden Schweigens zwischen hüben und drüben im geteilten Deutschland eindrucksvoll durchbrach, war der ostdeutsche Germanist Hans Joachim Schädlich. In „Versuchte Nähe“ porträtierte er den Staatsratsvorsitzenden in seiner größtmöglichen Volksferne. Und in der noch beklemmenderen Studie über den auf der Flucht aus der Festungshaft zu Tode gekommenen humanistischen Poeten Nikodemus Frischlin fand er das sprechendste Schicksalsgleichnis für das beschädigte Leben innerhalb des von einer Todeszone umringten Staatskerkers DDR.

Größtmögliche Volksferne
Auch in seiner jüngsten Publikation, die mit Fug auch „Erlebte Ferne“ hätte heißen können, kann Schädlich den gelernten Germanisten nicht verleugnen. Er taucht in jeder dieser drei Erzählungen ab in vergangene Zeiten, gleich zweimal in der Germanisten wohl liebste Epoche, in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, die Zeit der Aussaat für die Moderne.

Tod auf Samoa
Angesichts von soviel Vergangenheitsseligkeit könnte der oberflächliche Leser mit Mrs. Cunningham, der weiblichen Erzählfigur in Schädlichs erster Geschichte, ausrufen: „Das kann doch nicht wahr sein! Seeräuber! Vor den Kanaren! So etwas gibt es doch heutzutage gar nicht mehr!“ Aber wir sind im Literatur-Reich, und da darf es eben passieren, dass eine seltsame Reisegesellschaft im Jahr 1893 aufbricht, um den Autor Robert Louis Stevenson auf seiner Südseeinsel zu besuchen – auf einem Schiff, das unter dem Kapitän Koster und dem Nürnberger Weltenbummler Carl Friedrich Behrens bereits 1721 eine Südsee-Expedition unternommen hatte.
An Bord prallen die Epochen aufeinander, die Passagiere nehmen mit Unmut die Rückständigkeit des alten Seelenverkäufers und die verstaubten Ansichten des Kapitäns zur Kenntnis, indes der redselige Behrens die verstimmte Gesellschaft mit unglaublich klingenden Geschichten von seiner Entdeckung der Osterinseln 1722 aufzuheitern sucht. Schließlich erscheinen auch tatsächlich wie damals Seeräuber, und die ungläubige Mrs. Cunningham ist gezwungen, ihren Augen zu trauen, wo der landläufige Verstand, ihr selbstbewusster common sense, längst die Segel streicht. Als alle trotz den Fährnissen endlich doch auf Stevensons Insel Samoa an Land gehen, schreibt man wieder das Jahr 1894 – und der gesuchte Autor der „Schatzinsel“ ist bereits tot. Der Zweck der Reise: vorbei. Der Sinn indes: Geschichte. „Tusitala“, Geschichtenerzähler, nannten die Eingeborenen Stevenson, und so heißt nun auch Schädlichs erste Erzählung in dieser Sammlung.

Tod in Triest
„Vorbei“ aber heißt das ganze Buch. Und um Vergeblichkeit, verfehlte Ziele und verspielte Hoffnungen geht es auch in den beiden weiteren Erzählungen. Die zweite des Bands ruft in herber, gerichtssaaltrockener Sachlichkeit den erbärmlich banalen Tod des großen Schönheitsentdeckers der klassischen Antike, Johann Joachim Winckelmann, in Erinnerung, der, eine europäische Zelebrität, am 8. Juni 1768 in einer Herberge einem Raubmord zum Opfer fiel. Winckelmann hatte wertvolle Münzen dabei, Geschenke der Kaiserin Maria Theresia, die er in vertrauensseliger Naivität dem Täter gezeigt hatte. Prompt beschuldigte dieser bei seiner Verhaftung das Opfer, das „Freundschaft mit mir geschlossen hat“, seine Habgier erst geweckt zu haben: „Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuld “, das kennen wir zur Genüge. Schädlichs Stil bleibt schnörkellos, tatsachengetreu, ein Rapport ohne Moralbeilage.

Tod in Mecklenburg
In „Concert spirituel“ schließlich schildert der Erzähler die Künstlerabhängigkeit des Musikers Antonio Rosetti, der 1773 am fürstlichen Hof zu Wallerstein angestellt wird und eine steile Karriere als Komponist durchläuft. Er bleibt dabei freilich stets von den wechselnden Launen und Begehrlichkeiten seiner hochmögenden Gönner abhängig, bis er 1791, auf dem Höhepunkt seines hart erkämpften Erfolgs, an körperlicher und seelischer Erschöpfung stirbt: ein Musikerschicksal aus dem 18. Jahrhundert, das sich nur in der sozialen Stellung der Arbeitgeber von heute unterscheidet.
In allen drei Meistererzählungen Schädlichs geht es um den Künstlertod: das große Vorbei, das auch über die Kunst hinwegschreitet. Umso weniger vermag die Kunst daran vorbeizugehen.


Vorbei
Drei Erzählungen von Hans Joachim Schädlich
Rowohlt Verlag, Reinbek 2007
160 Seiten, geb., € 16,90
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