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Wie im Wald - 46/2014

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Hoffnungslose Verstrickungen

Elisabeth Klars „Wie im Wald“ fällt auf unter den vielen Romanen, die nun Missbrauch thematisieren.

Von Evelyne Polt-Heinzl

Wer von der Flut an Romanen junger Autorinnen über Kindesmissbrauch schon genug hat, sollte dieses Buch trotzdem lesen. Das Thema (sexuelle) Gewalt gegen Kinder scheint eines, bei dem die Literatur radikal versagt hat. Generell sagt man ihr gerne nach, sie würde gesellschaftliche Tendenzen und verborgene Entwicklungen seismografisch wahrnehmen, hier war das radikal umgekehrt. Sind Kinder heute von Psychologen allenthalben umstellt und verwenden schon im Volksschulalter geläufig Phrasen aus dem gesunkenen Therapeutenjargon, sorgte in der Hochzeit der schwarzen Pädagogik, die vor der Geburt dieser Autorinnen liegt, das Autoritätsverhältnis dafür, dass die Opfer schwiegen, da es keine Sprache dafür gab und auch keine Instanz, an die sich Betroffene hätten wenden können. Erst die umfänglichen öffentlichen Debatten über Kindesmissbrauch führten im neuen Jahrtausend zu einem wahren Boom an Missbrauchsromanen.

Vielversprechende Autorin

Auch im Debütroman „Wie im Wald“ der 1986 in Wien geborenen Elisabeth Klar geht es darum, und trotzdem ist hier alles anders. Es gibt eben Romane, die sprachlich und kompositionell vielleicht nicht so aufregend sind, aber ein Thema gut fassen, und es gibt solche, wo einem das Thema, und sei es aufgrund der aktuellen Übernutzung, ganz und gar nicht anspricht, und trotzdem wird evident, dass eine vielversprechende Autorin am Werk ist. Und genau das ist hier der Fall.
Im Wald steht das Haus der Kindheit, in das die junge Übersetzerin Karin vor einiger Zeit mit ihrem Freund Alexander zurückgekehrt ist. Alles recht idyllisch, bis sie auf die Idee kommt, auch ihre Pflegeschwester Lisa hierher zurückzubringen. Als Lisa das erste Mal in dieses Haus kam, war sie vier Jahre alt und die beiden Mädchen waren vom ersten Moment an unzertrennlich. In der Pubertät implodierte dann das eigentlich harmonische Familiengefüge. Der introvertierte Vater, der sich von Anfang an zur verschlossenen Pflegetochter Lisa hingezogen fühlte, missbrauchte das Vertrauensverhältnis, die Mutter sah weg – sie starb einige Jahre später –, und die beiden älteren Geschwister waren mit ihren eigenen jungen Leben beschäftigt. Karin aber kam mit den für sie schwer verständlichen Veränderungen und vor allem mit ihrer Eifersucht nicht zurecht.
Eines Tages war Lisa verschwunden, kurz darauf brachte sich der Vater um. Wohl aus Angst davor, dass alles ans Licht käme. Das hätte er nicht zu fürchten brauchen, Lisas leibliche Mutter war zu kaputt, um etwas zu sehen oder gar zu unternehmen, und so landete Lisa dort, wo jahrhundertelang innerfamiliäre Gewaltopfer zu landen pflegten: in der Psychiatrie. Mittlerweile hat sich ihr Zustand in einer betreuten Wohngemeinschaft einigermaßen stabilisiert, ohne dass sie sich für ihre Umwelt besonders interessieren würde. Von hier holt sie Karin zehn Jahre nach dem Fall aus dem gemeinsamen Paradies ab.
Für Karin rückten damals die beiden traumatischen Ereignisse immer näher zusammen, machten Lisa zur Mörderin, oder war sie gar selbst die Täterin? Der innerfamiliäre Schweigekonsens der Restfamilie sorgte zwar dafür, dass Karin nach außen geordnet weiterlebte, verhinderte aber auch jede Auseinandersetzung mit dem Geschehenen. Das hatte durchaus Methode, vor allem von Seiten der herrischen Großmutter, die sich das Andenken an ihren Sohn unbefleckt erhalten wollte.
Mit Lisa noch einmal die Vertrautheit der Kindheit erleben, jene ausschließliche Zweisamkeit „Wie im Wald“ bei ihren Spielen und Gesprächen – das ist Karins Wunschgedanke. Mit dabei ist aber auch ein guter Teil schlechten Gewissens, nie mehr nach Lisa gefragt zu haben, ganz so wie es der Familienpolitik entsprach. Im Nachvollzug freilich kann die Situation nur neuerlich implodieren, in dieser Frage behalten die beiden älteren Geschwister absolut recht, die von Anfang an vehement gegen Karins Projekt der Wiederzusammenführung protestierten. Die für alle traumatischen Ereignisse von damals hat keiner von ihnen „aufarbeiten“ können, die älteren Geschwister hatten es nur leichter, sie in sich zu begraben.

Unauflösbare Konflikte

Auch Karins Freund sieht als Außenstehender bald, wie hoffnungslos die Verstricktheit der beiden jungen Frauen in einander und in den unauflösbaren Konflikt der Vergangenheit ist. Er hat sich um eine emotionale Nähe zur in sich eingeschlossenen Lisa bemüht, und es ist ihm auch ein gutes Stück weit gelungen. Damit aber kann Karin nicht umgehen. Für sie wiederholt sich die Situation von damals, was einen Missbrauchsvorwurf impliziert, vor allem aber Eifersucht ist, und Alexander das Feld räumen lässt.
Das Abgründigste an Klars Roman sind die scharf gegeneinander geschnittenen Gedanken der beiden jungen Frauen. Wie Karin die Hilflosigkeit, aber auch die Ausfälle und Protestaktionen Lisas interpretiert, während die immer mehr zum Kind mutierende Lisa wohldurchdachte, auch hinterhältige Aktionen setzt, um Karin aus der Reserve zu locken, ergeben ein raffiniertes Spiel, bei dem beide an sich selbst wie am Gegenüber nur scheitern können. Missbraucht Karin die „behinderte“ Pflegeschwester als innerfamiliäre Waffe im Kampf gegen das Vergessen und die Verlogenheit der Großeltern, degradiert Lisa die zunächst recht tüchtige Karin zur Pflegekraft mit Rund-um-die-Uhr-Einsatz. Doch die Rollenverteilung ist brüchig, auch Karin verliert immer mehr den Bezug zur Realität außerhalb der vier Kindheitswände.
Elisabeth Klar zeigt die komplizierte Innenperspektive ihrer Figuren und ist damit über keine ihrer Irrtümer, Fehlinterpretationen, Verbohrtheiten und Lebenslügen erhaben. Durch diese Unschärferelationen zwischen Erleben und Wirklichkeit erhalten die mit einer über weite Strecken eher kargen Sprache beschriebenen Vorgänge eine verwirrende Tiefenschärfe.


Wie im Wald
Roman von Elisabeth Klar
Residenz 2014
272 S., geb., € 22,90
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