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Aus dem Nebenzimmer - 46/2014

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Surreale Beschwörungen

In zwei neuen Büchern zeigt sich der Wiener Autor Xaver Bayer als Meister der kleinen Form.

Von Florian Braitenthaller

„Ich bin auf ein Gefühl angewiesen, muss eine passende Form dafür finden und benötige Ausdauer zur Ausführung“, definiert der 1977 in Wien geborene Autor Xaver Bayer in seiner Rede zur Verleihung des Hermann-Lenz-Preises 2008 sein Vorgehen beim Schreiben. Zu welch erstaunlichem Ergebnis dies führen kann, zeigt nun sein neu erschienenes Buch „Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich“: Die zahlreichen kurzen Texte werden durch ein Ich zusammengehalten, das der Chronologie einer Jahreszeitenabfolge ausgesetzt wird. „Fürs Erste erschließt sich mir nichts. Nichts ist da, das sich entschlüsseln ließe, entziffern.“ Dieses Ich nähert sich einer faszinierenden, geglückten Kunstfigur an, die keinen Namen hat. Stimmungsbilder tun sich auf, die Atmosphärisches erzeugen: Prosagedichte eines Flaneurs, in einem ansprechenden, höchst anspruchsvollen Stil geschrieben.
Präzise, feinsinnige Beobachtungen macht dieses eloquente Ich. Die Welt um es herum kann genauso schnell verschwinden, wie sie wieder entsteht. Seine Beobachtungen wirken wie Beschwörungen. Oft ist von Vergeblichkeit die Rede, und davon, dass das keine Rolle spielt. Das hat etwas Surreales und erinnert an Plume, dessen Autor Henri Michaux im Sammelband auch zitiert wird. Wie um den Descartes’schen Dualismus augenzwinkernd vorzuführen, schreibt hier jemand, der seinen brennenden Körper genauso teilnahmslos beobachtet wie den von ihm losgelösten, und das bei guter Laune. „Ich gehe ins Badezimmer, um mir den Mund auszuspülen, und da steht er, mein Körper, und er blickt mich an, verschmitzt und zugleich schuldbewusst grinsend wie jemand, den man einer kleinen Gaunerei überführt hat, dem man aber nicht böse sein kann, weil man ihn lieb hat, und das weiß er auch.“
Dieses Ich setzt auf Individuation: Es ist anders als die anderen, es entzieht sich der Normalität, den Ge-setzen der Sozialität. Es beobachtet. Geht mal schnell, mal langsam, bleibt stehen, während alles in Bewegung ist. Und macht sich gnadenlos Gedanken über die Welt, die Kunst, das Leben. Primär werden Alltagssituationen geschildert, in denen plötzlich etwas Merkwürdiges passiert. Immer wieder Spiegelungen, um sich seines Daseins zu vergewissern, zum Beispiel in Schaufenstern, aber oftmals sind keine Spiegelbilder zu sehen, das Erwartete trifft nicht ein, die Naturgesetze scheinen außer Kraft gesetzt. Es kommt zu Schauplatzwechseln und Theaterszenarien, die als real erlebt werden und meist gar kein Erstaunen auslösen, und immer wieder Träume, an die das Ich sich erinnert.

Das Erwartete trifft nicht ein

Ein anderes Mal experimentiert das Ich in bester Ironie-Tradition damit, alles, was es wahrnimmt, toll zu finden. Er ist gesellig, hat Freunde und lädt sie zu sich ein. Lesen, schreiben, beobachten, nachdenken, das macht ihn aus. „Meine Gedanken haben heute einen unverbindlichen Plauderton. Sie folgen mir wie eine Schar Schulkinder, denen ein Ausflug in den Vergnügungspark versprochen worden ist.“
Auch in der Sammlung „Aus dem Nebenzimmer“, die einiges bereits in Literaturzeitschriften und Anthologien Publiziertes, unveröffentlichte Erzählungen sowie die Rede zur Verleihung des Hermann-Lenz-Preises 2008 umfasst, zeigt sich Xaver Bayer als Meister der kleinen Form. Zwar sind manche dieser Texte etwas manieriert, wenn zum Beispiel das Personalpronomen „ich“ von einem Allerwelts-„Man“ abgelöst wird oder alle Prädikate im Futur I oder im Konjunktiv mit „würde“ geschrieben sind („Niederungen“, „pOseN“, „Die Alaskastraße“, „Es beginnt einfach“): Das erscheint wie Selbstverliebtheit im Experimentieren, ein Ausprobieren, wie klingt, was man schreibt.
Manches wirkt wie geschrieben und ausgeschnitten und nach dem Zufallsprinzip neu montiert. Das ist natürlich eine legitime Vorgehensweise, aber gemessen an dem Potenzial, das diesem Autor zur Verfügung steht und das er in seiner jüngsten Publikation „Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich“ wirklich eindrucksvoll zur Schau stellt, fallen einige frühe Texte etwas ab.

Subtiles Zwiegespräch

Bayer macht übrigens kein Geheimnis aus seinen Vorlieben und Vorbildern, was Schriftsteller, Musiker, Künstler betrifft. Sein subtiles Zwiegespräch mit Traditionen wird auch in konkreten Anspielungen sichtbar, wie hier auf Goethe: „Ich klappe das Buch also zu. Als sich Seite auf Seite legt, spüre ich einen kaum merklichen Lufthauch, und wie in einer Gegenbewegung öffnet dieser Hauch in mir eine Tür, durch die ich als zum Günstling des Augenblicks Geschlagener ins Freie schlüpfen kann. Behutsam, um niemanden aufzuschrecken, schließe ich die Tür hinter mir.“
Das Ich dieser Texte ist eher biografisch angelegt. „Dora hatte mir damals vorgeworfen, als ich meine Unfähigkeit, mich zu konzentrieren, zur Sprache brachte, mich immer, wenn es darauf ankam, in eine alles legitimierende Empfindsamkeit zu flüchten. Ich hatte erwidert, dass ich mich nicht in die Empfindsamkeit flüchten würde, sondern dass ich in ihr zu Hause sei und im Gegenteil oft aus dieser Empfindsamkeit flüchten müsse, aber Dora hatte das als Ausrede abgetan.“ („Nach Dora“)
So entsteht der Eindruck, hier schreibt jemand, um sich selbst besser kennenzulernen („Anti-Testament“, „Weg“). „Aus dem Nebenzimmer“ enthält wahre Perlen wie „Eine Jungfrau für Xaver Bayer“, wo dem Autor bei einem Heurigen ein weibliches Ich begegnet, sich in ihm gespiegelt findet und ihre Identitäten ineinanderfließen. Er tritt aus sich heraus, bringt sich zum Verschwinden, tut so, als ob er nicht existierte und lässt an seiner Stelle ein Ich auftreten, das seine Identität übernimmt, ohne dass der geringste Zweifel aufkommt.
Dass übrigens die lose aneinandergereihten, kleinen Texteinheiten im „Zauberreich“ keine Titel haben, ist schön, sie brauchen auch keine. Alles in allem ist hier ein hochsensibler Geist zugange, der die Geschichte der nicht nur deutschsprachigen Literatur mit ihren Facetten des Ich genau kennt und bewusst einsetzt, um mit ihr großartige surreale Effekte zu erzielen, ein geheimnisvolles Knistern.



Aus dem
 Nebenzimmer
Texte von Xaver Bayer
Edition Korrespondenzen 2014
200 S., geb., € 21,60

Geheimnisvolles Knistern aus dem Zauberreich
Texte von Xaver Bayer
Jung und Jung 2014
208 S., geb., € 19,90
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  23:12:49 04.15.2005