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Eine neue Freundin - 15/2015

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Wenn Papa zur Frau wird

„Eine neue Freundin“: François Ozon spielt in seinem neuen Film virtuos und ohne Scheu mit den brüchigen Identitäten der Geschlechter.

| Von Otto Friedrich

A lle großen Filme, die sich mit Transvestiten auseinandersetzen seien diejenigen gewesen, bei denen sich die Figuren nicht aus einem inneren Drang heraus verkleidet hätten, sondern aufgrund von äußeren Faktoren. Jedenfalls in den Transvestiten-Filmen, die ihm gefallen würden, erzählte François Ozon in einem Interview: die beiden Musiker, die sich auf der Flucht vor der Mafia verkleiden wie Jack Lemmon und Tony Curtis in „Manche mögen’s heiß“ oder Dustin Hoffman in „Tootsie“, wo ein arbeitsloser Schauspieler sich zur Schauspielerin macht, um die Rolle zu bekommen: „Solche äußeren Umstände erlauben es dem Zuschauer“, so Ozon weiter, „sich mit der Figur zu identifizieren und mit dem Transvestitentum zu spielen, ohne sich schuldig oder schlecht zu fühlen“.
Unabhängig von dieser Erkenntnis und unabhängig von seinem Transvestitenfilm-Geschmack macht es François Ozon bei seinem neuen Opus anders: Denn in „Meine neue Freundin“ sind die äußeren Umstände zwar tragisch, aber der Protagonist entkommt ihnen keineswegs, indem er sich Frauenkleider anzieht.
Sondern David, junger Witwer und Vater eines Babys, verspürt das Bedürfnis, Frau zu sein, einfach so. Jedenfalls nach dem Tod seiner Frau Laura kommt die heimliche Vorliebe für feminine Wäsche wieder zum Vorschein – obwohl sie zuvor über Jahre hinweg verschwunden war.
Im Zeitraffer erzählt „Meine neue Freundin“ das Leben von Claire und Laura, die seit ihrer Volksschulzeit unzertrennlich sind. Doch Laura erkrankt schwer und stirbt bald nach der Geburt ihres Kindes mit David. Claire hat Laura am Totenbett versprochen, für David, den zurückbleibenden Ehemann, und das Baby da zu sein.

Eine Freundschaft nach dem Tod

Solche Freundshaft muss über den Tod hinaus aufrecht bleiben: Keine Frage, dass sich Claire an ihr Versprechen gebunden fühlt. Kompliziert wird es für sie erst, als sie eines Tages unangemeldet bei David und dem Baby auftaucht, und den Witwer in Frauenkleidern antrifft. David gesteht ihr seine heimlichen Sehnsüchte und, dass er in Frauenkleidern mit der Situation nach dem Tod seiner Frau viel besser zurechtkommt.
Doch für Claire beginnt nun eine Tour de force der Gefühle, die auch ihre Beziehung zu Gilles, mit dem sie zusammenlebt, auf die Probe stellt. Und – gar nicht schockierend, sondern wie selbstverständlich stellt Claire fest, dass ihr der verkleidete David gefällt: Vielleicht projiziert sie ja ihre verstorbene Freundin in den Frau-Mann hinein, sie gibt ihm/ihr auch einen neuen Namen: Virginia heißt nun ihre „neue Freundin“.
François Ozon gelingt es in seinem neuen Film mit geradezu unglaublicher Leichtigkeit, die Geschlechtergrenzen aufzulösen oder in Frage zu stellen. Dabei nimmt er keineswegs Partei in einer allfälligen Gender-Debatte, sondern lässt seine Protagonist(inn)en durchspielen, welchen Identitäten sie anhängen – und das kann durchaus mehr als eine sein.
Gott sei Dank hat die Kunst ein anderes Vokabular als der gesellschaftliche Diskurs, insbesondere wenn er – von welcher Seite auch immer – ideologisch imprägniert ist. Aber für das Unterfangen, die Frauwerdung eines Mannes in den Blick zu nehmen, dann aber doch nicht eine pure Verweiblichung oder Entmännlichung, sondern alle möglichen Nuancen dazwischen darzustellen – das gelingt diesem Film beinahe auf einer märchenhaften Ebene. Und Märchen verpacken bekanntlich Wahrheiten in ein Setting, das nach den menschlichen Wirklichkeitserfah-run--
gen so nicht existiert. Oder vielleicht doch?
Dass zur Glaubhaftmachung dieser Szenerie die Schauspieler besonders gefordert werden, versteht sich von selbst. Großartig, wie Romain Duris, dem Darsteller des David, das Gender-Switching gelingt, seine Seelenpartnerin Claire steht durch das Spiel der Anaïs Demoustier dem wenig nach. Und deren „gehörnter“ Partner Gilles ist in der Darstellung durch Raphaël Personnaz erst recht gut aufgehoben.
François Ozon erweist sich gerade ob der Leichtfüßigkeit, die ihm in „Eine neue Freundin“ gelingt, als Großer des französischen Kinos. Natürlich schließt das große Gefühle mit ein, das Melodram ist auch in diesem Leinwand-Opus mit den Händen zu greifen. Aber selbst dieses erscheint gebrochen durch die Auslotung und Überschreitung der vermeintlichen Geschlechtergrenzen. Man kann sich, wenn man will, davon auch bezaubern lassen. Auch das wäre Filmemacher Ozon durchaus zugute zu halten.


Eine neue Freundin (Une nouvelle amie)
F 2014. Regie: François Ozon.
Mit Romain Duris, Anaïs Demoustier.
Thimfilm. 108 Min.
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