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Ameisendelirium - 14/2015

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Verpackungskunst aus Worten

Nicht nur Insekten wuseln und rangeln, sondern auch Sätze: In Lisa Spalts Prosa „Ameisendelirium“.


Von Anton Thuswaldner

„Also erzählst du, dass du letzthin, da du über ein bereits abgeerntetes Feld wandertest, auf ein Ereignis hofftest …“ Eine Erzählerin, nennen wir sie der lieben Tradition willen so, spricht, offenbar zu sich selbst. Mangels eines geeigneten Gesprächspartners wendet sie das „Du“ an, welches immerhin Nähe suggeriert.
Dass dieses Wesen allein ist, sich in seinen Satzkonstruktionen verbohrt, ahnt man sofort, wenn man diesen ausufernden Gebilden nachspürt. Sie wollen an kein Ende kommen, einfach deshalb, weil niemand definiert hat, wo das Ende eigentlich liegt. Und so lässt sich dieses Sprech-ungeheuer hineinfallen in das Bett des Sprachflusses und lässt sich tragen von den Worten, die es auf eine angenehme Weise mit sich nehmen. Und spuckt der Sprachfluss dieses merkwürdige Wesen doch irgendwann einmal ans Ufer, bleibt es dort keineswegs ernüchtert liegen, sondern stürzt sich unversehens aufs Neue hinein, um einen anderen, unerwarteten Erzählansatz zu wagen. Dieses Sprechwesen bleibt in Lauerstellung. Es zieht nicht ein Programm durch, auf das es sich verpflichtet hat, es folgt keinem roten Faden, an dem man sich entlang hangeln könnte, es wirft uns auch kein Seil zu als Aufforderung, in die Tiefen der Psychologie abzusteigen. Psychologie, welch Graus für dieses Individuum, halb Plappermaul, halb philosophisch durchwirkter Feuerkopf. Immerhin ist es aus Sprache gemacht und verbirgt niemals seine Herkunft aus Grammatik und Duden.
Die Erzählerin verbirgt sich schüchtern hinter dem „Du“, obwohl es ein „Ich“ gibt. „Ich trete aber – Feigheit oder Bescheidenheit – nicht in Erscheinung.“ Feigheit, Bescheidenheit, Erscheinung, es handelt sich hier wohl mehr um eine Klangveranstaltung denn um ein literarisches Ereignis, das sich um Gesetze der Wahrscheinlichkeit, Vernunft und Plausibilität schert. Musikalische Prinzipien wie Rhythmus und Wiederholung haben nie die Absicht, hinter den konventionellen Plan zurückzutreten, mit Wörtern Bedeutung zu transportieren. Nur ist der Sinn, der erzeugt wird, keiner, der aus dem Alltag kommt. Es geht nicht um Abbildung und Deutlichmachen von etwas, was schon vorhanden ist, hier wird Welt kurz entschlossen neu geschaffen. Wenn so jemandem wie Lisa Spalt nicht genügt, was der Fall ist, wird sie eben selbst aktiv. Dann nimmt sie sich aber auch gleich das Recht heraus, die Regeln selbst aufzustellen.

Das Du trickst das Ich aus

„Ich“ oder „Du“, wer hat hier das Sagen? Nicht so einfach. Die Erzählstimme wagt nicht, „Ich“ zu sagen und hadert mit dem „Du“, das „vorsorglich alle Aufmerksamkeit vom jeweils von mir behandelten Thema“ abzieht. Das „Du“ ist aber nur die Versteckform des „Ich“, ziemlich vertrackt das Ganze. Wir haben das „Du“, das das „Ich“ austrickst und Themen, die dieses „Du“ usurpiert. Überhaupt ist dieser ganze Lisa Spalt-Text ein großes Usurpationsverfahren. Was eignet sich diese Erzählstimme nicht alles an. Der Blick tastet ab, was ihm nur immer unterkommt, die Gedanken bauen sich darauf auf, spinnen sich weiter und immer weiter fort, treiben die Rädchen des Assoziationsapparates an, und so wächst und wuchert und gedeiht der Text, für den es Grenzen nicht gibt.
„… das ist doch schon etwas, wenn ein Thema etwas darstellt, das es gibt!“ – ist hier so etwas wie Beschwichtigung herauszuhören? Hier bekennt eine, dass sie nicht nur abhebt ins Reich der Imagination und des Spintisierens, sondern am Boden bleibt. Beides ist der Fall. Die Sprache, so wie sie Spalt anwendet, klebt nicht an den Dingen. Sie braucht sie als Material, verformt sie aber nach Belieben. Alles, was sich im Text ereignet, betrifft die Erzählstimme unmittelbar. Sie hält sich in den Niederungen des Alltags auf und entschwebt ins Weltall, wo sich Fragen nach den letzten Dingen stellen. Alles garantiert selbst erfunden, nichts stammt aus zweiter Hand.
Lisa Spalt ist eine grandiose Verpackungskünstlerin der Worte. Einsichten sind verschlossen und feierlich aufgemascherlt in wohl durchdachten, hoch komplexen Schachtelsätzen. Leicht kann es passieren, dass, wenn man die Schachteln endlich eine nach der anderen geöffnet hat, ein Springteufel rauskommt. Aber an die Schachteln ranzukommen, erweist sich als komplizierte Angelegenheit. In einem Schachtelsatz steckt der nächste, in welchem wieder einer verborgen ist. Verschachtelte Konstruktion, verschachtelte Gedanken, es geht rabiat zu in Lisa Spalts Welt. Situationen, Momente, Begebenheiten werden durch ein sich mäanderndes Bewusstsein getrieben, das alles in sich aufnimmt, birgt, neu ordnet und in einem Sturzbach fein ziselierter Sätze ans Tageslicht dringen lässt: „darüber denkst du nach und verlierst dich in Betrachtungen“, heißt es einmal, und das benennt schon recht genau die Methode, nach der hier vorgegangen wird, um vom Hundertsten zum Tausendsten zu gelangen und darüber hinaus.
Feine Sätze, schöner Klang, edle Wörter, kluge Gedanken, und was stiftet Zusammenhalt, wo lauert jene Idee, die alles unter einem Dach zusammenfasst? „Wobei: Was das überhaupt heißt, dass ein Ereignis existiert und so weiter?“ Eine abgrundtiefe Unsicherheit herrscht vor, was Existenz ausmacht, wie es um das Wesen der Dinge bestellt ist und was es mit diesem Moloch Sein auf sich hat. Keine bestehenden Modelle zur Erklärung reichen aus, deshalb diese ununterbrochene Suchbewegung, diese Unrast, diese Sorge, etwas fest zu machen, worüber gültige Aussagen nicht zu treffen sind. Keine Bange, von Verzweiflung keine Spur. Dazu ist Lisa Spalt eine viel zu heitere Persönlichkeit, als dass sie sich dem Todernst verschreiben würde. Ein Leben in Vagheit nimmt sie gelassen. Immerhin lässt sich ganz echte Literatur daraus schlagen.
Der ungarische Schriftsteller Péter Esterházy berichtete einmal von einer Tante, die sagte, dass sie keine Bücher lese, die sich nacherzählen ließen. Mit dem Werk von Lisa Spalt, die unbeirrbar ihren Weg geht, insbesondere mit ihrer jüngsten Veröffentlichung, müsste diese Dame ihre helle Freude haben.


Ameisendelirium
Von Lisa Spalt

Czernin 2015
128 S., geb., € 17,90
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  08:51:01 09.08.2005