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Wenn die Birken Blätter treiben - 14/2015

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Das Hohe Lied der Geschäftstüchtigen

Breda Smolnikars Prosa „Wenn die Birken Blätter treiben“: eine Brillante Studie über Lebensgier.

Von Georg Dox

Die geschäftstüchtige Slowenin Rozina Brinovc ergaunert vor dem Ersten Weltkrieg in den Vereinigten Staaten (zusammen mit ihrem technisch versierten Ehemann) durch Schwarzbrennerei (sie schaffen wunderbare Schnäpse) ein kleines Vermögen. Eine Reise in die alte Heimat, ausgerechnet im Jahre 1914 angetreten, macht die Rückkehr in die USA unmöglich. Etwas verbittert startet die „Amerikanerin“ in der neuen alten Heimat einen Obst- und Gemüsehandel und ihrem rabiaten Geschäftsstil ist auch hier durchaus Erfolg beschieden. Die Zeiten ändern sich und unter deutscher Besatzung gelingt Rozina, der inzwischen der Ruf vorauseilt, das Unmögliche möglich zu machen, eine Partisanin von der Gestapo freizukaufen. Ihre erste und einzige Liebe (zu ihrem späteren Ehemann Brinovc) und ihre sehr direkte und persönliche Beziehung zur Gottesmutter setzen über die starken emotionalen Bindungen dieser Ausnahmeperson genauer ins Bild.

Atemlose Prosa

Die kurze Erzählung, oder besser: der kurze, aber heftige Erzählstrom setzt mit einem Kleinbuchstaben auftaktlos ein und verklingt in prächtig orches-trierten Schlussakkorden. So wird das Fragmentarische betont und kein Punkt (als Satzzeichen) setzt der atemlosen Prosa Grenzen. Die Geschichte folgt lose den biografischen Daten der Heldin, dabei werden auch gerne Jahrzehnte verschluckt und Umstellungen vorgenommen, um dafür den entscheidenden Momenten erzählerisch Raum zu geben.
Wer berichtet das alles? Wir erfahren Dinge, die nur die Heldin wissen kann, wir sehen aber auch das größere Bild, sehen sie etwa als Geschäftsfrau im Hafen, als interessierte Helferin in Brinovc’ Schnapsbrennerei usw.
Breda Smolnikar liefert sich in ihrem „Poem in Prosa“ ganz dem Rhythmus aus, den ihr die Heldin vorgibt: Sehr hell im Kopf, mit einem fantastischen Gedächtnis begabt und immens fleißig, stürzt sich Rozina ins Leben, und das heißt bei ihr: ins Geschäft. Für diesen Furor hat die Autorin die richtige Sprache gefunden, und so folgt der Leser mit zunehmender Begeisterung, ja hingerissen, den Stationen dieses denkwürdigen Erwerbslebens. Wird hier eine Studie über die Gier abgeliefert? Wenn ja, dann sicher nicht nur über die Gier nach dem Pekuniären. Und wenn man die Frage weiter fasst: Haben wir es hier mit einer Studie über exzessive Lebens- und Existenzgier zu tun? Dann lautet die Antwort: Aber ganz sicher und mit einer brillanten noch dazu.
Dieser immer auf Hochtouren laufende Erwerbstrieb hat natürlich auch seine komischen Seiten – und die werden von der Autorin auch bewusst herausgestellt. Über weite Strecken sind Rozinas Machinationen, ihre wohlinszenierten Auftritte und ihre niemals nachlassende Fuchtigkeit eben auch sehr unterhaltend. Wie überhaupt der ironisch-satirische Unterton der Erzählung keineswegs unterschlagen werden darf. In diesem Sinne muss man vor dem Titel warnen: „Wenn die Birken Blätter treiben“ legt (im Deutschen zumindest) eine ganz falsche Fährte. Der Text ist vieles: manchmal hochgradig lyrisch, dann wieder von trockenem Witz, teilweise stark erotisch, politisch nicht unbedingt immer korrekt - eines lässt sich aber sicher sagen: Mit dem Problemfilm-Kitschtitel „Wenn die Birken Blätter treiben“ ist er nicht einmal im Ansatz kompatibel.

Ausgewiesene Sprachkunst

Im Nachwort hat der Übersetzer Erwin Köstler die wichtigsten Informationen zur Autorin und zu dem außergewöhnlichen Schicksal dieser konkreten Erzählung zusammengetragen. Im deutschen Sprachraum dürfte Breda Smolnikar nicht allzu bekannt sein. Sie wurde 1941 im montenegrinischen Herceg Novi als Kind slowenischer Eltern geboren. Ihre ersten Veröffentlichungen waren (offenbar erfolgreiche) Jugendbücher, Texte für Erwachsene folgten; 1980 fasste sie den Entschluss, künftig im Selbstverlag zu publizieren. Vor dem Odium des Dilettantischen, das diese Publikationsform ja immer auch begleitet, war die ausgewiesene Sprachkünstlerin gefeit, Grund war eher der Wunsch nach Distanz zur professionellen Klüngelei. Das von ihr damals gewählte Pseudonym Gospa (Frau bzw. Dame) bezeichnet treffend den (ironischen) Abstand zum Geist der Zeit: Die Genossen (in den Verlagen und den Redaktionen) dürften die Botschaft auch richtig verstanden haben. Ständige Schwierigkeiten begleiteten ihr weiteres Publikationsleben.
Zum Alptraum wurde die Lage für Breda Smolnikar erst mit dem Erscheinen der vorliegenden Erzählung Ende der 90er-Jahre. Fünf Schwestern glaubten in der Figur der Rozina ihre Mutter verewigt und klagten die Autorin. Denn weder habe sie, die reale Mutter der realen Schwestern, in den Vereinigten Staaten zur Prohibitionszeit Schnaps gebrannt, noch sei vorstellbar, dass sie die im Text detailreich beschriebenen sexuellen Handlungen so je praktiziert habe Darüber kann man im Nachhinein gut lachen. Die haarsträubende Geschichte mit all ihren Peripetien kann hier nicht nacherzählt werden. Der Fall ging jedenfalls bis vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte. Breda Smolnikar hat letztlich recht bekommen, doch habe der fünfzehn Jahre währende Rechtsstreit die Autorin, wie der Verlag mitteilt, „vorübergehend in eine existenzbedrohende Situation“ gebracht.
Auch wenn der Umstand, der das Erscheinen dieser Erzählung für einen sehr langen Zeitraum verhindert hat, eine spannende Geschichte für sich ist, so sollte der Rechtsstreit das Werk nicht in den Schatten stellen: Breda Smolnikars Erzählung ist ein Meisterwerk allerersten Ranges. Folglich ein Lesevergnügen und ein sehr kluges Zeitbild einer Epoche, von der wir oft fälschlich glauben, dass wir über sie ohnehin schon alles gehört haben. Eine Geschichte wie die von Rozina Brinovc dürfte schwerlich darunter gewesen sein.


Wenn die Birken Blätter treiben
Von Breda Smolnikar

Aus dem Slowenischen von Erwin Köstler 

Wieser 2015
160 S., geb., € 17,50
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