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Von jetzt an kein Zurück - 25/2015

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Als das Träumen noch gar nicht geholfen hat

„Von jetzt an kein Zurück“: Christian Froschs Parabel beginnt 1968 und endet nicht mit der Befreiung der Nachkriegskinder. Eine grandiose Beklemmung.

| Von Otto Friedrich


Man denkt unwillkürlich an Michael Hanekes „Das weiße Band“, jene Gewaltparabel in deutschem Nordland am Vorabend des Ersten Weltkriegs, wo Religion (in ihrer protestantischen Fasson) nicht nur gemeinsame Sache mit einer unterdrückenden Gesellschaft macht, sondern sich sogar als Konstitutivum derselben geriert.
Vielleicht liegt das ja bloß am düs-teren Schwarzweiß, dessen sich Christian Frosch in „Von jetzt an kein Zurück“ befleißigt. Aber wie die (katholische) Familie von Ruby – sie, die Schwester, die Mutter, der Vater – um den Esstisch versammelt ist, erinnert doch an die Verhältnisse, wie sie auch im Pas-torenhaus bei Haneke herrschen.
Die Beklemmung, auch die Gewalt, die zu ihr führt, mögen derselben (Religions-)Wurzel entwachsen, aber „Von jetzt an kein Zurück“ spielt gut 50 Jahre und zwei Weltkriege später. Vielleicht ist die Verstörung deswegen doppelt so groß?
Nichts hat sich geändert, oder, wie wir heute wissen, es wird sich erst nach diesen 1960er Jahren ändern – und von der nach Freiheit dürstenden Generation noch Opfer und Qual verlangen.
Bei Regisseur und Autor Chris-tian Frosch, dem in Deutschland wirkenden gebürtigen Waldviertler, der seinem Film eine wahre Geschichte zugrunde gelegt hat, sind es seelische Verwüstungen, die die Kriege angerichtet haben, welche über die jungen Leute her-einbrechen. Rubys Vater (Ben Becker in einer Leibrolle), der seine Familie kaum durchbringt und der den Krieg in sich noch nicht beendet hat, tyrannisiert seine Familie, die Mutter lässt die Drangsal über sich ergehen.

Familie als permanente Gewalttat

Allein Tochter Ruby, die als Plattenladenangestellte die Familie mit über Wasser hält, träumt vom Ausbrechen aus der permanenten Gewalttat, als die sich diese Familie entpuppt.
Der Krieg hat aber, erzählt Chris-tian Frosch, nicht nur Gewalttäter, sondern auch anarchisch Gebrochene hervorgebracht: Solch einer, lebensuntüchtig, ist Martins Vater, der Sohn, blitzgescheit und literarisch kreativ, hat es aufs Gymnasium geschafft, was Ruby wegen fehleder Mittel verwehrt blieb. Doch der 16-Jährige eckt an, wo er kann, er hält den „Muff von 1000 Jahren“, der sich in der ehrwürdigen Bildungsanstalt als seit Urzeiten abgestandene Luft hält, nicht aus.
Ruby und Martin sind ein Paar – wenn ihr Vater draufkommt, wäre alles aus! – und er kommt drauf. Denn Ruby und Martin hauen nach Berlin ab, kommen nicht weit und werden nun in konfessioneller Trautheit gebrochen: Sie landet im katholischen Mädchenheim der Barmherzigen Schwestern (grandios, wie dort die Mutter Oberin von Erni Mangold gespielt wird). Er kommt in der evangelischen Bewahranstalt „Freistatt“ unter, wo sie das KZ-Lied „Die Moorsoldenten“ singen, weil sich die hier eingesperrten jungen Männer genauso fühlen wie unter Adolf H., als die Großvätergeneration mit den „Volksschädlingen“ so umging wie nun die aus dem Krieg zurück-gekehrten Väter.

Gott mit Ochsenziemer eingebläut

Und es sind Christenmenschen – ob nun römischer oder lutherischer Provenienz –, die sich an den jungen Leuten vergreifen. Man weiß, dass das stattfand, dass der Gott der Liebe da mit dem Ochsenziemer eingebläut wurde, bis der Charakter der aufkeimenden Leben gebrochen war. Beklemmung ist ein zu harmloses Wort für das, was der Film beschreibt.
Erst neun Jahre später wagt sich „Von jetzt an kein Zurück“ ins Farbige: Ruby ist eine mittelmäßige Schnulzensängerin – wenn sie sich mit Alkohol und Tabletten von Auftritt zu Auftritt aufputschen kann. Martin hingegen hat sein sanftes Gemüt und seine Zukunftsvision bei den evangelischen Brüder von Freistatt abgegeben. Die Lebenswege von Ruby und Martin kreuzen sich dennoch.
Aber wo wirklich Verwüstung herrscht, da wachsen keine Pflänzchen mehr – und ein Baum schon gar nicht. Vielleicht sind Martin und Ruby vom Schicksal nur um ein paar Jahre betrogen worden: Wenig später haben Zeitgenossen, die ein paar Jahre jünger sind, den Aufstand dieser beiden erfolgreicher fortgesetzt.
Nochmals: „Von Jetzt an kein Zurück“ ist eine Beklemmung – und was für eine schauspielerische Bewährung für die Jungmimen Victoria Schulz (Ruby) und Anton Spieker (Martin)! Und was für eine Parabel, die in denen Zeitläuften, in denen erneut Verengung und politische Verwüstung droht, auch ein politisches Statement ersten Ranges darstellt. Schwere Kost – aber eine notwendige.
Bei der diesjährigen Diagonale in Graz wurde „Von jetzt an kein Zurück“ mit dem Publikumspreis bedacht. Eine völlig richtige Wahl.


Von jetzt an kein Zurück
D/A 2015. Regie: Christian Frosch.
Mit Anton Spieker, Victoria Schulz, Ben Becker, Erni Mangold, Ursula Ofner.
Filmladen. 108 Min.
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