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Black Mamba Boy - 25/2015

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Das Glück ein Vater, die Heimat eine Wüste

Nadifa Mohamed erzählt in ihrem Roman die mehrjährige Flucht eines afrikanischen Kindes und seine suche nach einer sicheren Heimat.

Von Beatrix Kramlovksy

Fünf Jahre musste man auf die Übersetzung des Romans „Black Mamba Boy“ von Nadifa Mohamed warten. Nun bietet die Übertragung ins Deutsche von Susann Urban Lesevergnügen. Der spezielle Ton, den sie schon für die Übersetzung des zweiten Werks Mohameds gefunden hat, lässt auch den über-ragenden Erstling der Somalierin als sprachliches Juwel funkeln. Susann Urban hatte es mit einem Text zu tun, der – vordergründig leicht – spielerisch einfachen Strukturen folgt und gleichzeitig mit Wortgewalt und erzählerischen Kurven aufwartet. Aus der Mischung westeuropäischer und ostafrikanischer Erzählkunst hat Nadifa Mohamed einen eleganten, zutiefst berührenden Stil entwickelt. Dass nichts von seiner tänzelnden Dichte verloren ging, ist Susann Urbans Verdienst.
Flüchtlingsschicksal ist ein bestimmendes Thema der Exilliteratur. Oft wird es zu einem Balanceakt zwischen Betroffenheitsbericht und echter Literatur. Mohameds Zugang, mit einer Fülle historischer und geografischer Fakten unterlegt, umgeht alle Klippen, erlaubt dem Leser einen spontan emotionalen Sprung in das Abenteuer, das auf den Helden Jama wartet. Vermutlich ist das Buch auch deshalb so erfolgreich in den Ländern, die das ersehnte Paradies der Immigranten sind.

Das Verlangen nach Heimat

Im Oktober 1935 versuchen der kleine Jama und seine Mutter, Gastarbeiterin aus Eritrea, in Aden ihr Überleben. Guure, angehimmelter Vater und Ehemann, Musiker und Träumer, hat sich in den Sudan abgesetzt, um dort bekannt und reich zu werden. Jamas Schule fürs Leben werden die Straßen von Aden, die Freundschaft mit zwei anderen Straßenjungen, Ausgegrenzte wie er. Die schuftende Mutter erzählt ihm abends Geschichten und impft ihm den Wunsch nach einem gesicherten Leben ein. Erst während ihres Sterbens wird ihm klar, wie viel sie bereits für ihn geleistet hat. Der Clan holt das Kind nach Eritrea zurück. Die Sehnsucht nach dem verschollenen Vater bringt Jama dazu, den lieblosen Familienanschluss aufzugeben. Er geht Richtung Norden, um Guure zu finden. Zwölf Jahre ist Jama unterwegs. Er quert die französische Kolonie Dschibuti, gerät in der italienischen Kolonie Eritrea für kurze Zeit in die italienische Armee, ein Kindersoldat, ausgeliefert den Schlächtern hinter der Front. Von einer flüchtenden Gruppe zur nächsten wird er weitergereicht. Irgendwo in Äthiopien konfrontiert man ihn mit dem Tod des Vaters, dessen Besitz ein winziger Koffer mit seinem Instrument und einem gelb lackierten Spielzeugauto darstellt.
Das Verlangen nach einer sicheren Heimat treibt Jama weiter. Dass er nicht aufgibt, liegt auch an der irrationalen Erwartung, die ein anderer kleiner Junge, den er vor dem Verhungern rettet, in ihn setzt. Er verliebt sich, verbringt wenige Wochen im Glück, heiratet überstürzt und erkennt, dass er seiner Frau nichts bieten kann. Also setzt er sich ab, um als Matrose im Norden bei den Engländern anzuheuern. Die verlassene Frau bleibt, klagende Parallele zu seiner Mutter, zurück.

Exemplarisch für viele

Während Jama sich durch die Kriegswirren Richtung Kairo bewegt, werden in Europa Juden ermordet. Kreuzen werden sich die Wege Vertriebener 1947, als die Briten den jüdischen Überlebenden auf der „Exodus“ die Landung in Palästina verweigern. Zu diesem Zeitpunkt ist Jama den tödlichen Gefängnissen dort entkommen, hat es geschafft, an einen britischen Pass heranzukommen und tatsächlich als Matrose ange-heuert zu werden.
Sein Schiff ist die „Runnymede“, das Kerkerschiff, mit dem die Briten die Passagiere der „Exodus“ gegen ihren Willen zurück nach Hamburg schaffen. In England hat er endlich Geld in der Tasche und verschleudert es leichtsinnig. Doch Mohamed hat noch eine überraschende und überzeugende Wendung parat. Dass Heimat nur dort ist, wo Freunde leben, die uns verankern, wird endlich Jamas Schlussfolgerung.
Nadifa Mohamed kam als Fünfjährige nach London, die Familie schaffte die Flucht aus Hargeisa vor dem drohenden Bürgerkrieg 1986. Der Vater fuhr fast 50 Jahre zur See, betrachtet sich mittlerweile als Weltbürger und war Matrose auf der „Runnymede“. „Damals“, sagt Nadifa Mohamed, „sah mein Vater zum ersten Mal in seinem Leben Weiße, die wirklich litten. Und er begriff das Entscheidende, jenseits aller traditionellen Vorstellungen von Hautfarbe oder Clan-Zugehörigkeit.“
Die Somalierin studierte in Oxford Geschichte und Politik. 2010 kam „Black Mamba Boy“ heraus, kurz darauf erschien der ebenfalls preisgekrönte Folgeroman „Der Garten der verlorenen Seelen“, in dem sich Mohamed mit den Erinnerungen ihrer Mutter auseinandersetzt.
Die Erzählungen ihres Vaters verdichtete und reicherte sie mit anderen Episoden an, weil ihr schnell klar wurde, wie exemplarisch seine Geschichte für die vielen Flüchtlingsgeschichten steht. So wird Jamas 70 Jahre zurück liegende fiktive Geschichte ein Spiegel für das, was Mohameds Vater vor 40 Jahren erlebte und jetzt aufrüttelt, während die aus ihren Elendsorten von Schleppern Verführten vor unseren Küsten ertrinken.
Mohamed hat es geschafft, eine Weltgegend ins Licht zu rücken, die im besten Fall nur als Piratenküste in den Nachrichten Erwähnung fand. Die vielfältigen Lebensformen, den geschichtlichen Hintergrund und das Alltagsleben entfaltet sie mit großartig gewählten Details. In diesen Details steckt auch die Überraschung dieses Buches über Väter und Söhne: Es ist ein Roman über die starken Frauen, die hinter den irrenden Flüchtlingen stehen. Wegen seiner Mutter, wegen einer alten Tante, wegen einer fast sprachlosen Jüdin wird Jamas Geschichte zu einer Liebesreise, die ihn am Ende bei Bethlehem, seiner Frau, die Quintessenz von Heimat finden lässt.
So wird aus dieser Geschichte einer Suche, aus dem Entwicklungsroman eines Zehnjährigen, einer grausamen Verbrechensauflistung ein herzergreifender Liebesroman, und Somalia ein Land, das Gestalt gewinnt. Welch Gewinn für uns, dass Nadifa Mohamed die Geschichten aus der verlorenen Heimat ihrer Eltern ihrem neuen Heimatkontinent so grandios anbietet.


Black Mamba Boy
Roman von Nadifa Mohamed.
Übers. v. Susann Urban
C. H. Beck 2015
366 S., geb., € 20,60
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