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1001 Nacht (As mil e uma noites) - 44/2015

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Geschichten von heute wie im Märchen

Miguel Gomes’ betörende Filmtrilogie „1001 Nacht“ erzählt im Rückgriff auf das im Titel genannte arabische Erzählwerk von Portugal mitten in der Gegenwart.


| Von Alexandra Zawia


Da liegt ein riesiger, toter Wal. An einen portugiesischen Strand gespült, am Ende des ersten Teils von Miguel Gomes Trilogie „1001 Nacht“, und plötzlich explodiert er. Vermutlich der Großteil des Budgets für den gesamten Film floss in diese Szene, aber was bedeutet sie? Eine unsubtile Metapher für Portugal könnte das sein, ein Land aufgeblasen von Jahrhunderten der profitorientierten Kolonialisierung, von Misswirtschaft, von Kapitalismusdrang und nun erschüttert, von der Krise. Aber auch wahr ist, dass Wale manchmal einfach explodieren.

Ein Wal explodiert

In dieser Sequenz geht es um Luís, der im Wal wohnte, manchmal aber auch ins Krankenhaus in die Stadt muss, weil er ein Herzleiden hat. Luís wird in den Szenen mit dem Arzt selbst zum Erzähler, wo zuvor noch Schehezerade (Cris-ta Alfaiate) gesprochen hat. Ja, die Prinzessin, die für ihr Leben redet und dem König Schahrayar jede Nacht eine neue Geschichte erzählt, um seine Neugier zu halten.
Luís erzählt nun selbst und Gomes gibt ihm damit, was er ihm geben kann: Wer seine Geschichte erzählen darf, ist oder wird Teil einer Gesellschaft. Wer nicht gehört wird, der hat keine Rechte.
Luís schüttet vor dem Arzt aus, womit er ungeschützt wie auf offener See überschwemmt wird. Er gehört der Gewerkschaft an, täglich kommen Leute zu ihm, die ihre Arbeit verloren haben und bitten ihn – vergebens – um Hilfe. Manchmal fühlt er sich, als würde sein Herz explodieren. Schließlich aber ist es der Wal.
Auf einer wahren Begebenheit beruht diese Walszene, die Gomes nicht entging, als er sich zwischen 2013 und 2014 in seinem Heimatland Portugal mit einem Rechercheteam umschaute und Nachrichtenmeldungen und Anekdoten sammelte um zuerst auf faktischer Ebene den Folgen der Sparmaßnahmen nachzuspüren. Einen Film darüber zu drehen, was um einen herum gerade vor sich geht, hätte man 
auch direkter angehen können. Aber auch um die Ohnmacht und die Überrumpelung nachzufühlen, die das Monstrum Krise verursacht, machte Gomes seinen Film übergroß und surreal: Mit Motiven aus „Tausendundeiner Nacht“ verbindet er andere reale, fiktive, ironische, satirische und absurd überhöhte Geschichten, fantastische Träume und bizarre Erlebnisse, die er übereinander schichtet und untereinander verschränkt.

Papagei frisst nur Fettarmes …

Manche dehnt er fast überlang aus, manche kappt er zu früh und wieder andere sind nur Vignetten, wie etwa jene vom Papagei, der nur noch fettarme Körner zu sich nehmen darf. Dazwischen nüchtern vorgetragene Berichte von Arbeitslosen, die von 150 Euro Unterstützung im Monat leben und die Gomes wiederum mit burlesken Sequenzen kombiniert: EU-Abgesandte treffen sich in der Wüste und diskutieren, wie sie mittels eines Wundermittels am besten zu Erektionen kommen und ein Hahn erklärt vor einem Richter: „Ich krähe 
so oft, weil ich vor kom-men-den Katastrophen warnen muss.“
Gomes’ Filme wie „Our Beloved Month of August“ oder „Tabu“ leben ebenfalls von der Opposition von Fiktion und Realität, aber hier stellt er die Frage nach Möglichkeiten des Erzählens, der visuellen Umsetzung von Unfassbarem. Eine schier unlösbare Aufgabe, also läuft der Regisseur selbst im ersten Teil, The Restless One, erst einmal vor dem eigenen Team davon.
Dieser erste Teil ankert im Thema Arbeit und ist der Beginn eines Filmes, der ein „Happening“ neu denkt, der das Spektakel umdeutet, indem er spektakuläre Inhalte auf alltägliche Banalitäten herunterbricht. Maßgeblich vorangetrieben wird diese Haltung auch von Kameramann Sayombhu Mukdeeprom, mit flirrenden und haptischen Bildern und unterschiedlichen Stilen und Formaten.

Ruhelos. Desolat. Verzaubert.

The Desolate One als mittlerer Part bewegt sich im Feld „Gesetz“; er ist der abstrakteste der drei Teile und der düsterste. Einsamkeit zieht sich hier durch, aber auch die Rückeroberung von Selbstbestimmung und einer gewissen Kontrolle über eine Situation, die aus den Fugen geraten ist und die auch widerspiegelt, wie soziale Ungerechtigkeiten über Jahrhunderte weitergegeben und bestätigt wurden.
Der Abschluss, The Enchanted One, ist getragen und bestimmt von einer Gruppe männlicher Vogelzüchter – verarmte Typen – die mit ihren Singvögeln gegeneinander in einem Wettbewerb antreten. „Das Proletariat“ rebelliert nicht, es misst sich im Vogelgesang.
Allein durch die Dauer des gesamten Films – sechs Stunden – fordert Gomes eine Anteilnahme ein und interagiert der Film mit dem Betrachter, macht ihn zum Teilnehmer. Die Möglichkeit zur Erfahrung, die der Film offeriert, ist also auch eine, auf die er baut, mit der er spielt. Die persönliche Erfahrung eines jeden Zusehers als Bürger, als Wähler, als Mensch, interagiert hier unweigerlich mit jener des Regisseurs und der Protagonisten des Films, ergänzt sie, trägt sie weiter. Nicht nur individuelle Ebenen werden so verlinkt, sondern auch gesellschaftliche und politische.


1001 Nacht (As mil e uma noites)
P/F/D/CH, 2015. Regie: Miguel Gomes.
Mit Crista Alfaiate, Luísa Cruz, Adriano Luz, Carloto Cotta, Américo Silva, Gonçalo Waddington.
Stadtkino. 125 & 131 & 125 Min. Ab 6.11.
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