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Das Tortenprotokoll - 46/2015

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Bilder erdichten

Von Maria Renhardt

Sie liebt die Welt, die Ferne. Eine Kosmopolitin scheint die Linz geborene Autorin Marianne Jungmaier zu sein. Ähnlich wie die Autorin selbst lebt auch die Protagonistin ihres ersten Romans „Das Tortenprotokoll“ in Berlin, einer Stadt, deren „Himmel“ sie sich selbst „ausgesucht“ hat. Die Nachricht vom Tod der Großmutter führt sie zurück in ihre Heimat, „einen Zwischenort, zwischen Donau und Inn, Stadt und Provinz, Flughafen und eins-tigem Konzentrationslager“. Obgleich sie alles kennt, fühlt sie sich nirgends fremder als hier. Im Haus ihrer Eltern empfängt sie emotionale Kälte. Hier „liebt man sich mit Süßspeisen“ und hier hat sie nur Tobi, den Nachbarsohn.
Das Haus der Großmutter war einst ein Ort der Freiheit, ein Hafen: „Bei ihr konnte ich mich davonstehlen, ohne bestraft zu werden.“ Als sie zum Begräbnis kommt, muss sie sich erneut ihrer Kindheit stellen. Die Auseinandersetzung mit dem Tod führt zugleich in die eigene Vergangenheit und reißt alte Wunden auf. Da ist das Schweigen der Familie, das „von Generation zu Generation weitergegeben wird. Kein Gespräch über Wesentliches, keine Gefühle, aber viele Erwartungen. Die Wahrheit ist „nicht zumutbar“. Das Leben hingegen scheint vorgezeichnet zu sein wie ein Schnittmuster, dem nicht zu entkommen ist. Als Friederike zufällig auf das berühmte Tortenprotokoll ihrer Großmutter stößt, finden sich darin geheime Briefe, die ein Doppelleben enthüllen, das diese vor ihrer Familie konsequent verheimlicht hat. Eng waren die Grenzen ihres Lebens gesteckt und klein ihr Mut, ihre Liebe öffentlich zu bekennen.
Jungmaier gestaltet den Weg einer jungen Frau, die der Enge des Denkens und des Raumes entflieht und fest daran glaubt, dass jeder „seines eigenen Glückes Schmied sei“, als schmerzhaften Abnabelungsprozess. Dabei findet sie treffende sprachliche Bilder für das, was zu Ende geht, aber auch für den Ausdruck sozialen Unvermögens. Mit unaufgeregter Nüchternheit arbeitet sie sich am Lebensthema der Ichwerdung ab, an der Möglichkeit, den eigenen Weg jenseits familiärer Konventionalität zu finden, der hier nur über den Bruch möglich ist. Was bleibt, ist eine Schildkröte aus Glas als Erinnerung an die Großmutter: „Ich werde mir Bilder erdichten und andere löschen.“


Das Tortenprotokoll
Roman von Marianne Jungmaier.
Kremayr & Scheriau 2015
204 S., geb., € 19,90
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